In jenen blutbesudelten und nach Umgestaltung alles Bestehenden ringenden Zeiten trat eine Anzahl politischer Amazonen auf, und eine dieser ist es, deren Werden und Vergehen Schlichtegroll in der Gestalt „Der Wölfin“ gezeichnet hat.

Théroigne de Méricourt ist ihr Name. Ein Geschöpf von brennendem Ehrgeiz und rasenden Leidenschaften; eine durch und durch Verworfene ihrem Wandel wie ihren Taten nach, und dennoch ein Weib, dessen starkem Geiste, dessen unerschrockenem Mute schaudernde Bewunderung gezollt werden muss, selbst von denen, die in ihr nichts als die Verkörperung weiblicher Bestialität zu erblicken vermögen. Eine Jeanne d’Arc d’impur hat Limartine sie genannt und mit diesem Ausdruck ihr Bild auf das schärfste und treffendste gekennzeichnet.

Doppelt interessant für die Gegenwart dürfte dies geniale Ungeheuer schon darum sein, weil sie ähnlichen Wünschen und Bestrebungen, wie unsere Frauenrechtlerinnen solche verfechten, bereits in ihren Tagen energischen Ausdruck verlieh. Sie wollte den Mann entthronen und die Herrschaft des Weibes begründen, da sie sich als berufene Rächerin ihres Geschlechts an dem anderen, dem stärkeren, fühlte.

In diesem Kampfe und an der Unmöglichkeit, ihre ehrgeizigen Phantastereien verwirklichen zu können, wie an der Unmässigkeit ihrer eigenen Natur ging sie unter — und aus diesem tritt ihr Schicksal uns als ein tief tragisches entgegen.

So leidenschaftlich, erschütternd, grausig und ungewöhnlich die Taten und Schicksale „der Wölfin“ auch erscheinen mögen, so gilt doch auch von ihnen das Wort Shakespeares:

„Alles ist wahr.“

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