Sie war kein großer Stern, sondern nur eines von den ganz kleinen Sternchen. Als Eberhard sie kennen lernte, machte sie gerade den unsicheren Sprung aus der Variétéschule ins erste Engagement. Er sah sie bei ihrem ersten Debüt, und wie sie mit ihrem muntern Stimmchen sang, mit zierlich schlanken, rotbestrumpften Beinchen tanzte und mit lieblichem Munde und blitzenden Augen lachte, sang, tanzte und lächelte sie sich geradenwegs in das ehrliche Herz des großen, starken Studenten hinein.
Da fing ein fröhlicher Frühling leichtlebiger junger Liebe an, die das Heute genießt, ohne der grauen Zukunft zu gedenken. Für ihre Gage hätte Fritzi sich nicht einmal die bunten, flatternden Kleidchen kaufen können, in denen sie abends über die Bühne hüpfte. Eberhard sorgte für alles, und Fritzi war ihm dafür gut. Der Jüngling dachte nie daran, daß sein kleines Erbe einmal aufgezehrt sein könnte, und ein wunderlicher Schreck, mehr Staunen als Entsetzen, durchzuckte ihn an jenem Tage, an dem der Bankier ihm die letzten zweihundert Mark seines Kapitals nebst einer Schlußabrechnung sandte. —
Er mußte nun in kurzer Zeit Geld verdienen, um für sich und Fritzi sorgen zu können. Zufällig fanden sich nicht sogleich Privatstunden. Was tun, um schnell zu verdienen? Man schreibt etwas; ein Buch, ein Stück... Da wurde triumphierend das alte, verstaubte und vergilbte Manuskript hervorgesucht und kritisch, mit der naiven Überlegenheit des Menschen, der inzwischen zwei Jahre älter geworden, von neuem studiert.
Gerade in diesen Tagen machte Eberhard die Bekanntschaft des Direktors vom Odeontheater. Den hat der Himmel mir geschickt, dachte Eberhard. Dem fröhlichen, jovialen Manne, der abends am Artistentische ein so angenehmer Kneipgenosse war, würde er sein Stück anbieten und sicher keine Ablehnung erfahren. Das Drama, welches schon so viele Metamorphosen erlebt hatte, sollte aus dieser letzten Häutung als Volksschauspiel in vier Akten erstehen, grausig und rührend, pomphaft und populär, wie das Publikum des Odeontheaters es liebte. Ohne Furcht sah nun der junge Freidank seine Barschaft auf die Neige gehen und war nur traurig, daß er Fritzi ein wenig knapper halten mußte. Aber nur erst fertig sein, dann würde schnell der Umschwung zum Guten kommen! Er arbeitete fieberhaft, mit fliegender Feder, und gerade am Abende, ehe Fritzis Brief ankam, hatte Eberhard, bebend vor Stolz und Hoffnung, den Schlußstrich unter dem „Kind der Straße“ gezogen.
II.
Eberhard heuchelte vor sich selbst Gleichgültigkeit, als er das umfangreiche Manuskript zu sich nahm und sich auf den Weg zu Direktor Immermann vom Odeontheater begab. Immermann! sagte er mit zuversichtlichem Lächeln zu sich selbst, der teure Name soll mir ein gutes Omen sein! — freilich, außer dem Namen ist nichts Immermannsches weder an diesem Direktor noch an seinem Theater. —
Man gelangte zu dem Bureau des Direktors Immermann durch einen schmalen, finsteren Korridor, der auf einen freien Vorraum führte, wo allerlei Kulissengerümpel lag und stand. Eberhard durchschritt diesen Raum, klopfte an und trat in das Bureau.
Direktor Immermann war nicht darin; ein blasser, verkümmerter Schreiber präsentierte dem Besucher einen Sessel und vertiefte sich dann wieder in die Unterhaltung mit einem temperamentvollen Juden, der Herr Markus genannt wurde. Herr Markus hatte viele Photographien und farbige Plakate auf einem Zähltisch ausgebreitet und redete lebhaft und unter Anwendung unverständlicher Fachausdrücke auf den Theaterschreiber ein. Er führte ein großes Wort, und der blasse junge Mann hörte ihm voller Interesse zu.