Eberhard sah sich ein wenig neugierig um. Alle Wände und überhaupt alle vorhandenen Flächen waren mit bunten Artistenplakaten tapeziert; dazwischen fanden sich hier und da verstaubte Schleifen und ein alter Lorbeerkranz. Die meisten dieser großen, bunten Blätter hingen schon lange an den Wänden und hatten keine Beziehung zu dem gegenwärtigen Repertoire des Theaters. Aber nun fiel Eberhards Blick auf ein schreiend gelbes, mit Riesenlettern bedrucktes Plakat, welches besagte: Am 1. Dezember beginnt im Odeontheater eine große internationale Ringkampf-Konkurrenz um die Meisterschaft von Deutschland und den großen Preis von Berlin im Betrage von achttausend Mark. 24 Ringkämpfer ersten Ranges haben sich bis jetzt gemeldet. — Um dieses auffällige Plakat, welches die Mitte der Wand einnahm, waren die prächtigen, überlebensgroßen Reklamebilder berühmter Athleten gruppiert. Jetzt verstand Eberhard mit einem Male die Unterhaltung der beiden Männer am Zähltische. Immer noch erzählte Herr Markus voll Leidenschaft, mit orientalischem Temperamente, von „unserer Konkurrenz“ und setzte dem aufhorchenden Schreiber auseinander:

„Dies Bild? — Ein Schwarzer natürlich, ein pechschwarzer Sudanneger; er heißt Mansur! — Sie sagen, er hat auf der Photographie einen Trauring auf? — Ja, den hat er wohl abzunehmen vergessen.“

„Trägt er ihn denn sonst?“ fragte der Schreiber mit neugierigem Lachen. „Seine Frau sitzt doch wahrscheinlich in Afrika, im Harem, und sieht ihn nicht!“

„In Afrika? Im Harem?“ schrie der Manager und schüttelte sich vor Lachen, während er mit seinen übermäßig beringten Händen heftige Gesten machte, „da kennen Sie Mansurs Frau schlecht! O nein! Sie läßt ihn nicht einmal allein ausgehen. Abends sitzt sie im Theater und hält beide Augen offen, daß er nicht etwa mit einer Verehrerin spricht. O Himmel, ja, die Frau Mansur hat Schneid! — Eine Wienerin, wissen Sie, so eine richtige mollige, aber sie steckt ihren Mansur, so groß und dick er ist, zehnmal in den Sack, obwohl sie ihm gerade bis an den Ellenbogen reicht!“

Eberhard fing eben an, sich für die Unterhaltung zu interessieren, als man schwere Schritte die Treppe, die zur Bühne führte, herunterkommen hörte. Sofort änderte sich das Bild im Bureau; der Schreiber ging langsam, mit müder Geschäftsmiene, an sein Pult zurück, während Herr Markus, der bis jetzt, nach jüdischer Gewohnheit, mit bedecktem Kopfe gestanden hatte, schnell den Zylinder abnahm und auf einen Stuhl setzte. Mit dieser einzigen Bewegung hatte er eine devote, beflissene Haltung eingenommen, und eifrig lief er den Ankommenden entgegen. Es war Direktor Immermann, der einem andern Herrn höflich den Vortritt ließ.

Der Direktor ging auf Eberhard zu, der sich beim Eintritt der Herren erhoben hatte, und begrüßte ihn in seiner munteren, kordialen Weise:

„Ah, junger Freund, das ist aber hübsch, daß Sie einmal kommen! — Gleich stehe ich zu Ihrer Verfügung! Nur wenige Minuten noch habe ich mit Herrn Thyssen zu sprechen! — Die Herren gestatten: Herr Freidank; Herr Thyssen, unser berühmter Weltmeister... Sie entschuldigen mich ein Weilchen, mein junger Freund; nehmen Sie Platz indessen...“

Eberhard verbeugte sich tief vor dem berühmten Athleten und setzte sich wieder. Hermann Thyssen aber nahm den angebotenen Platz nicht an und ging langsam, mit schweren Schritten, an den Tisch, auf dem die Photographien ausgebreitet lagen, während er Direktor Immermann mit einer kaum merklichen Kopfbewegung zu sich winkte.

Es konnte kaum ein größerer Unterschied zwischen zwei Männern gedacht werden, als zwischen dem Theaterdirektor und dem Ringkämpfer, wie sie jetzt nebeneinander standen. Immermann war ein kleiner, blonder, fröhlicher Mann, dessen rundes Bäuchlein ihm nichts von einer angeborenen heiteren Behendigkeit geraubt hatte. Er hatte hellblondes Haar und einen lustigen, goldblonden Spitzbart. Seine lebhaft gefärbte Kravatte war mit einem großen Brillanten geschmückt, und auf seinem Bäuchlein schaukelte eine dicke Uhrkette mit zahlreichen Berlocken. Herr Thyssen überragte den Direktor fast um einen Kopf. An ihm war alles von unaufdringlicher Gediegenheit und Eleganz. Seine Kleider verrieten den ersten Londoner Schneider, seine Knopfstiefel den feinsten englischen Schuster. — Auf einem starken Halse erhob sich selbstbewußt, fast hochmütig, der interessante, prachtvolle Kopf. In den dunklen Augen blitzte ein ernstes, schönes Feuer, die kühne Stirn war hoch und überaus edel geformt, die schwarzen, nicht allzu kurz geschnittenen Haare waren über der linken Schläfe in einen Scheitel gekämmt. Den starken, schwarzen Schnurrbart trug Herr Thyssen nach preußischer Mode gerade nach oben gebürstet. Aber in diesem stolzen, herrischen Gesichte frappierte der weiche, feine, köstlich geformte Mund. Dieser Mund war hellrot und schwellend, wie der zarte Mund eines Kindes, und von jener klassisch edlen Form der Lippen, die der hellenische Phidias seinen unsterblichen Jünglingsangesichtern lieh. Darunter wölbte sich dann ein festes, willensstarkes Kinn. Die breiten Schultern, die ganze hohe und breite Gestalt des Weltmeisters waren von jener ruhigen, gleichmäßigen Schwerfälligkeit, die aus dem Bewußtsein einer sicheren, überlegenen, ungeheuren Kraft entspringt.

Eberhard freute sich, den berühmten Athleten, den Sieger in allen Wettkämpfen der Welt, mit bürgerlichen Kleidern angetan, von Angesicht zu Angesicht betrachten zu können. — Herr Thyssen sah ruhig die Photographien durch und ließ alle Fragen, die Immermann zu stellen hatte, durch sein Faktotum Markus, welcher als der Manager vorgestellt wurde, beantworten. Doch nun wendete sich Immermann direkt an Thyssen: