„Wer denn?“ fragte er lachend, „meine Kollegen? Sie sind nicht schlimm, Therese! Sie sind nur rauh... Sie sind so stark und glauben darum, sich über manches hinwegsetzen zu dürfen. Sie dürfen es auch. Man rechnet es ihnen nicht schwer an...“

Therese sprach von etwas anderem, aber der kleine Zwischenfall hatte sie doch nachdenklich gemacht. —

Zu schnell vergingen die Tage; die Scheidestunde rückte näher. Sie versuchten beide, sich den nahen Abschied aus dem Sinne zu schlagen, aber alle Sorglosigkeit konnte nichts daran ändern, daß am zehnten Januar die letzte Entscheidung fallen sollte. Thyssen, Roland, Kiesling, Roditscheff, Meinken und Gomez waren als die sechs Besten übriggeblieben; die Kämpfe des letzten Abends mußten die drei endgültigen Sieger ergeben.

Im Theater war heute eine festlich gehobene Stimmung. Im Vestibül prangten drei große, breite Lorbeerkränze mit seidenen Schleifen in den Landesfarben, welche Direktor Immermann den Siegern spendete. Sportsleute und vornehme Freunde der Athleten hatten ebenfalls Kränze und silberne Geräte zur Ehrung der Sieger gesandt. Der herbe Lorbeerduft zog kräftig durch das ganze Haus.

Die Zuschauer fieberten auf die endgültige Entscheidung. Mancherlei Bande, sündige und ehrbare, verknüpften heute die Starken auf der Bühne mit ihren Bewunderern im Saal und in den Logen. Thyssen konnte seine Verehrer, Herren und Damen, nach Dutzenden zählen. Ihm, der unbesiegt war, sprach die allgemeine Erwartung den ersten Preis zu. — Um Roditscheff zu sehen, waren viele vornehme Russen und Sportsleute der höheren Stände erschienen. Junge Männer aus den ersten Familien, darunter ein junger Erzherzog, hatten sich diese sechs Wochen lang um seine Gunst bemüht. Aber eine unberechenbare Laune hatte ihn, den Ungetreuen, diesmal an Fräulein Krömer gefesselt, welche ihm überdies freiwillig so kostbare Geschenke gemacht hatte, daß sein ausgeprägter Erwerbssinn völlig zufriedengestellt war.

Mama Ambrosius und ihre Tochter hatten Parkettplätze inne. Therese freute sich jetzt leidenschaftlich an der unverhüllten Schönheit ihres starken Freundes, während die Mama jedesmal von neuem indigniert war, ihren Mieter im prallsitzenden Trikot zu erblicken.

Er war heute in Grün gekleidet, die Kniee von grauem Gummistoff geschützt, die Füße mit hohen, weichen Lederstiefeln bekleidet. Sein blondes Haar war kurz geschoren, seine norddeutsche helle Haut leuchtete in Jugend und Gesundheit.

Er bildete mit Manuel Gomez das erste Paar. Seltsam stach seine blonde Schönheit von der düsteren Erscheinung des „Stiers von Granada“ ab, der mit seinem olivefarbigen Teint, dem schwarzen, häßlichen Lockenkopf und den einfarbig schwarzen Trikots wie ein Sohn der Nacht gegen ein Kind des Lichtes stand. Wer war unter den Tausenden von Zuschauern, welcher dem lichten Roland den Triumph mißgönnt hätte? Der „Stier von Granada“ wehrte sich erbittert, er geriet, wie es den Zuschauern schien, in tolle Kampfeswut. In Wahrheit wurde Manuel Gomez bei den großen Konkurrenzen nur engagiert, um durch die Geschicklichkeit, mit welcher er beim Ringkampf den wilden Mann spielte, Farbe in die Kämpfe zu bringen. Seine natürliche Roheit kam ihm bei diesen Mätzchen zustatten.

Heute, beim Entscheidungskampfe, versuchte er Roland in das Orchester hinabzuwerfen. Als ihm dies nicht gelang und die empörten Zuschauer heulend und stürmisch protestierten, überrannte der temperamentvolle Spanier den Preisrichtertisch im Hintergrunde der Bühne, so daß die entsetzten Unparteiischen sich am Boden überschlagen und von der Szene flüchten mußten, bis der „Toro de Granada,“ der in diesem Zustande wirklich einem wütenden Kampfstiere glich, sich beruhigt hatte und nun von Roland mit einem kunstgerechten Doppelnelson besiegt werden konnte.