Sprungweise gehen die Verluste, von 20 auf 400, auf 600, auf 4000 in die Höhe. In Wahrheit sind bei den Armeniern während der vierwöchentlichen Belagerung vom 20. April bis zum 17. Mai 18 Tote und bei den Türken schwerlich viel mehr gefallen[4]. Falstaff ist nichts gegen Djevdet Bey.

Warum diese grotesken Übertreibungen? Enver Pascha war doch sicherlich von seinem Schwager Djevdet gut unterrichtet. Man wollte der Botschaft beweisen, daß alles auf dem Spiel stehe, daß der Bestand des Reiches durch eine ganz gefährliche Erhebung der Armenier bedroht sei. Der Zweck wurde erreicht. Die Botschaft glaubte es.

4.
Der Beschluß der allgemeinen Deportation.

Bei seiner Rückkehr von der kaukasischen Front im Februar des Jahres hatte Enver Pascha als Kriegsminister und Generalissimus der türkischen Armee auf eine Adresse des Bischofs von Konia erwidert: „Ich sage Ihnen meinen Dank dafür und benütze die Gelegenheit, um Ihnen auszusprechen, daß die armenischen Soldaten der ottomanischen Armee ihre Pflichten auf dem Kriegstheater gewissenhaft erfüllen, was ich aus eigener Anschauung bezeugen kann. Ich bitte der armenischen Nation, die bekannt ist für ihre vollkommene Ergebenheit gegenüber der Kaiserlich Ottomanischen Regierung, den Ausdruck meiner Genugtuung und Dankbarkeit zu übermitteln“. (Osmanischer Lloyd vom 26. 2. 1915). Auch dem armenischen Patriarchen gegenüber hatte Enver Pascha „seine besondere Zufriedenheit ausgesprochen über die Haltung und Tapferkeit der armenischen Soldaten, die sich in ausgezeichneter Weise geschlagen hätten“, hatte aber schon damals bezeichnenderweise hinzugefügt, „daß er beim geringsten Vorkommnis in den östlichen Armenierzentren mit drakonischen Maßnahmen einschreiten würde“. Wie kam es, daß mit dem 20. April das Urteil über die Ergebenheit der armenischen Nation so plötzlich umschlug? Der „Aufstand“ von Wan war das tragische Moment in der armenischen Schicksalstragödie. Das Stichwort für die „drakonischen Maßnahmen“ Enver Paschas war gegeben.

Mit der Fixierung dieses Momentes soll nicht gesagt werden, daß nicht der Vernichtungswille der treibenden Kräfte, die hinter dem Kriegsminister standen, schon vor den Ereignissen in Wan bestanden hätte. Schon auf dem Kongreß des jungtürkischen „Komitees für Einheit und Fortschritt“ in Saloniki Oktober 1911, war der nationalistisch-panislamische Gedanke — die Alleinherrschaft der türkischen Rasse und der Aufbau des Reiches auf rein islamischer Grundlage — als Regierungsprogramm angenommen worden:

„Früher oder später müßte die vollkommene Ottomanisierung aller türkischen Untertanen durchgeführt werden, aber es sei klar, daß dies niemals durch Überredung erreicht werden könne, sondern man müsse zur Waffengewalt Zuflucht nehmen. Der Charakter des Reiches habe muhammedanisch zu sein und muhammedanischen Einrichtungen und Überlieferungen müsse Respekt verschafft werden. Anderen Nationalitäten müsse das Recht der Organisation vorenthalten werden, denn Dezentralisation und Selbstverwaltung seien Verrat am türkischen Reich. Die Nationalitäten seien eine quantité négligeable. Sie könnten ihre Religion behalten, aber nicht ihre Sprache. Die Ausbreitung der türkischen Sprache sei eines der Hauptmittel, um die muhammedanische Vorherrschaft zu sichern und die übrigen Elemente zu assimilieren“[5].

Dies Programm stand seit Ausbruch des Krieges hinter allen Maßregeln, die die „Raja“ der christlichen Nationen als eine „Herde“ von Hörigen behandelten: die allgemeine Entwaffnung der christlichen Bevölkerung, die Degradierung der armenischen Soldaten, die mit der Waffe eingezogen worden waren, zu Lastträgern und Straßenarbeitern, die Entlassung der armenischen Beamten und Ärzte aus dem Verwaltungsdienst und den Kriegslazaretten usw. Dies pantürkische Programm stand schon vor den Tagen von Wan hinter den Verschickungen und Massenverhaftungen in Cilicien und im Wilajet Erzerum und diktierte den Vernichtungsfeldzug, den türkische und kurdische Truppen im Winter 1914/15 in Nordpersien gegen die friedliche syrische und armenische Bevölkerung von Urmia und Salmas führten. Dies Programm rief die allgemeine Christenverfolgung in den Wilajets Diarbekr und Mossul hervor, der unterschiedslos Jakobiten, Chaldäer, Nestorianer und Armenier zum Opfer fielen.

Auch ohne den „Aufstand von Wan“ wäre dies Programm durchgeführt worden. Denn schon dieser „Aufstand“ war ein Akt des Selbstschutzes gegen das drohende Massaker, das an mehreren Orten gleichzeitig einsetzte, als Djevdet Bey durch den Meuchelmord an den armenischen Führern das Signal dazu gab, in denselben Tagen, in denen auch in Cilicien die Verschickung auf große Distrikte ausgedehnt wurde, die außerhalb des Kriegsgebietes lagen.

Der „Aufstand von Wan“ gab nur einen weithin sichtbaren Vorwand her, um den längst gefaßten Plan der Türkisierung und Islamisierung des Reiches der Außenwelt gegenüber unter den Schein militärischer Notwendigkeiten zu verhüllen und im Schoß des Komitees selbst jeden Widerstand gegen die radikalste Form seiner Durchführung, die Vernichtung zunächst des armenischen Volkes, zu unterdrücken.

Von welcher Seite in Konstantinopel die entscheidende Wendung in der armenischen Politik der Regierung herbeigeführt wurde, durch Enver Pascha oder Talaat Bey oder durch einen Beschluß des jungtürkischen Komitees, darüber wird man erst Aufschluß erlangen, wenn die Interna der jungtürkischen Regierung an den Tag gekommen sein werden[6]. Es scheint, daß im Komitee selbst Gegensätze zwischen einer radikalen und einer gemäßigteren Gruppe bestanden, die in der Zeit vom 24. April bis zum 27. Mai zum Austrag gebracht wurden und mit dem Sieg der radikalen Gruppe endeten.