Note der Pforte vom 22. Dezember.
In dieser „erstmaligen schriftlichen Äußerung der Pforte auf die deutschen Noten bezüglich der armenischen Angelegenheiten“ versteift sie sich auf denselben Grundsatz, den sie bei allen mündlichen Besprechungen betont hatte: daß keine „fremde“ Macht, auch der deutsche Bundesgenosse nicht, sich in die inneren Angelegenheiten der Türkei zu mischen habe.
„An erster Stelle ist zu bemerken“, führt die Note aus, „daß die Maßregeln, die hinsichtlich der armenischen Bevölkerung des Reiches getroffen wurden, in die Domäne von Akten der inneren Verwaltung des Landes gehören; sie können daher nur in dem Falle Gegenstand diplomatischer Schritte sein, wenn sie unvermeidlich fremde Interessen, die dabei engagiert sind, berühren. In der Tat, es ist unbestreitbar, daß jedes Staatswesen das Recht hat, Maßregeln zu ergreifen, die geeignet sind, eine Umsturzbewegung, die auf ihrem Gebiete propagiert wird, einzudämmen, besonders wenn diese Bewegung in die Kriegszeit fällt.“
Mit dieser grundsätzlichen Erklärung und der weiteren Behauptung, daß alle fraglichen Maßnahmen durch „militärische Gründe diktiert seien und ein legitimes Mittel der Verteidigung bilden“, wird die Einmischung der Botschaft in die Armenische Frage ohne irgendwelche Zugeständnisse als unberechtigt abgewiesen.
Der brüske Ton, an dem Maßstab sonstiger türkischer Höflichkeit gemessen, ist bemerkenswert.
III. Das Schicksal der Deportierten.
Die Versicherung Talaat Beys, daß „augenblicklich nirgends mehr Abtransporte stattfänden“, war allzu wörtlich gemeint. Nicht Deportation — denn es war fast nichts mehr zu deportieren — sondern systematische Vernichtung der Deportierten durch Aushungerung unter Nachhilfe von gelegentlichen Massakers sollte jetzt das angefangene Werk vollenden[12].
Was war inzwischen geschehen?
Nach der ursprünglichen Ankündigung sollte Mesopotamien das Verschickungsziel und Neuansiedelungsgebiet der Deportierten sein. Seit dem Herbst hatte man aber angefangen, die armenische Bevölkerung auch der mesopotamischen Städte auszuräumen. Am 2. September waren die Christen von Djesire (4750 Armenier, 250 katholische Chaldäer und 100 syrische Jakobiten) massakriert worden. Am 16. Oktober wurde die armenische Bevölkerung von Urfa (20000 Seelen) teils massakriert, teils deportiert. Am 18. Oktober hatte das Konsulat aus Aleppo berichtet: „Nach Angabe des Direktors der politischen Angelegenheiten des Wilajets sind bei Radju und Katma 40000 konzentriert. Weitere Scharen aus West-, Mittel- und Nord-Anatolien sind im Anzuge. Zur „Ansiedelung“ nach Süden (westlicher Hauran, Rakka, Der es Zor) weitergesandt 300000. Diese werden nach genanntem Beamten am Ziel notgedrungen sich selber überlassen und werden alle sterben.... Jedenfalls fehlt zur Ansiedelung alles und jedes, für Konzentrationslager werden weder Zelte noch ausreichendes Mehl, noch Brennmaterialien geliefert. Verschickten Bauern sind von der Behörde selbst Hacken und Spaten abgenommen. Allgemeine Überzeugung ist, daß sämtliche Verschickte dem Tode verfallen.“
Wie aus den mesopotamischen Städten, wurde zuletzt auch aus Nordsyrien alles, was an Armeniern noch übrig war, abtransportiert oder abgeschlachtet. Anfang Januar wurden 5–6000 Armenier aus Aintab in die Wüste geschickt, Mitte Februar alle Kinder von Killis deportiert. Am 6. April wurden in dem Konzentrationslager von Ras ul Ain von 14000 Deportierten 12000 abgeschlachtet; der Rest von 2000 später ebenfalls beseitigt. Am 16. April wurden die in Maarra und den umliegenden Dörfern „angesiedelten Armenier“ in die arabische Wüste geschickt; am 19. April folgten ihnen aus Marasch 9000 Armenier (der Rest von 24000) nach Der es Zor. Das Hungersterben in den Konzentrationslagern sorgte dafür, daß immer wieder Platz wurde[13].