„Im Namen der Obersten Heeresleitung ersuche ich Euer Exzellenz, anzuordnen, daß alle türkischen Truppen aus dem kaukasischen Gebiet, mit Ausnahme der Bezirke Kars, Ardahan und Batum, zurückgezogen werden.“
Enver Pascha kommt dem Ersuchen nicht nach und weigert sich[S. xlviii] in einem langen Telegramm vom 3. August an Feldmarschall von Hindenburg, die halbe Million von geflüchteten Armeniern in ihre widerrechtlich besetzten heimatlichen Dörfer zurückkehren zu lassen.
Der deutsche Delegierte im Kaukasus, Freiherr von Kreß, drahtet am 4. August, daß nur baldige Hilfe der Mittelmächte Armenien vom Untergang retten könne. „Kleines jetziges Armenien kann nicht einmal seßhafte Bevölkerung ernähren, geschweige denn die zurzeit dort befindlichen 3–500000 Flüchtlinge... Armenien wird von Türken ringsum hermetisch abgeschlossen, diese verhindern jeglichen Handel und Verkehr, veranlassen Abwanderung tatarischer und persischer Bevölkerung, so daß armenische Regierung Angriff auf Eriwan befürchtet. Türken haben auch hier Bedingungen Batumer Friedens nicht eingehalten, sondern halten jenseits Batumer Grenze wichtige Gebiete besetzt... Zurzeit sind produktionsfähige Gebiete fast sämtlich von Türken besetzt, welche sie planmäßig ausrauben. Trotz Vertrags führen sie besonders große Baumwollvorräte aus. Die Ernte zum Teil von Türken eingebracht, zum Teil geht sie zugrunde. Armenier stellen, ebenso wie ich, bestimmt in Abrede, daß es zwischen beiden Staaten zu Kämpfen kommt, wenn Türken sich auf Batumer Grenze zurückziehen. Envers gegenteilige Behauptung nur Vorwand, um für die völlige Zerstörung und Ausbeutung des vertragswidrig besetzten Landes Zeit zu gewinnen.“
Auch Essad Pascha entzieht sich für das Batum-Gebiet der Forderung der Rückführung. Er verlangt für jeden einzelnen Armenier ein schriftliches Gesuch. „Nach Angabe des türkischen Vertreters in Tiflis befinden sich bei Essad Pascha seit Wochen mehr als 12000 unerledigte Gesuche.“ Zugleich wird die Verbindung der armenischen Republik mit dem in Tiflis residierenden Nationalrat von den Türken abgeschnitten.
Seine persönliche Auffassung dieser Obstruktionspolitik faßt Freiherr von Kreß dahin zusammen, „daß nach all den zahlreichen Nachrichten und Berichten, die er erhalten habe, wohl kaum ein Zweifel darüber bestehen dürfte, daß die Türken systematisch darauf ausgehen, die wenigen Hunderttausende von Armeniern, die sie bis jetzt noch am Leben gelassen haben, durch systematische Aushungerung auszurotten.“
Durch verstärkten Druck des Auswärtigen Amtes und des Haupt quartiers führen die Verhandlungen mit Talaat Pascha in Berlin Ende September endlich zu dem Ergebnis, daß die Pforte ihren Widerstand gegen die Brester Grenze aufgibt und die Räumung des vertragswidrig besetzten Gebietes in Aussicht stellt.
Doch auch dieser diplomatische Rückzug hinkte den Ereignissen nach. Die türkischen Okkupationstruppen hatten inzwischen das Gouvernement Elisabethpol überflutet und waren auf das von der russischen Sowjet-Regierung (mit der der Friede von Brest-Litowsk abgeschlossen war) besetzte Baku marschiert. Am 15. September wurde Baku von den Türken erobert. Das einzige, was Deutschland erreicht hatte, waren diplomatische Sicherungen zugunsten der jungen Kaukasusrepubliken Georgien und Armenien.
Schon im Mai 1918 hatte der Botschafter in Pera laut Instruktion aus Berlin der Pforte die folgende Erklärung abgegeben:
„1. Die Kaiserliche Regierung wahrt sich gegenüber allen Geschehnissen im Kaukasus freie Hand und behält sich namentlich ihre Stellung vor zu solchen innerhalb oder außerhalb der Bezirke Ardan, Kars und Batum getroffenen Maßnahmen, die nicht im Einklang mit dem Friedensvertrag von Brest-Litowsk stehen.
2. Die Kaiserliche Regierung kann einen weiteren Vormarsch türkischer Truppen im Kaukasus und eine türkische Propaganda außerhalb der genannten drei Bezirke weder billigen noch unterstützen.