Als Talaat Pascha dem Patriarchen versicherte, daß „die verfassungsmäßigen Rechte der armenischen Bevölkerung nicht angetastet werden sollte“, dachte er nicht im entferntesten daran, dies Gesetz, das sein Vernichtungswerk krönte, wieder aufzuheben.
Auch seine übrigen Versprechungen blieben Worte. Die an alle Provinzialbehörden ergangenen Befehle waren wirkungslos. Im Wilajet Kharput wurden noch im März 1917 Reste von Armeniern abtransportiert, 300 Frauen und Kinder; die halbwüchsigen Jungen wurden gefesselt und eingekerkert. Unaufhaltsam vollzog sich der Verwesungsprozeß des erschlagenen Volkskörpers. Dem Sterben der Hunderttausende von Frauen und Kindern sah die Regierung ebenso gleichgültig zu wie die Lokalbehörden. Die Konzentrationslager am Rande der Wüste verwandelten sich in Massengräber[15]; von Rückkehr der Armenier in ihre Wohnsitze war nicht die Rede; an „Ansiedlung“ oder auch nur menschenwürdige Unterbringung war nie gedacht worden; die Notstandshilfe deutscher und neutraler Gesellschaften wurde systematisch lahmgelegt. Die in Aussicht gestellte Amnestie ließ 2 Jahre auf sich warten, bis der Zusammenbruch der Türkei der endlosen Qual der überlebenden Reste ein Ziel setzte. Auch die Zwangsbekehrung arbeitete weiter. Von 660 Kindern, die eine schweizerische Schwester im Dienst des deutschen Hilfsbundes für Armenien in Aleppo in Pflege hatte, wurden 70 im Februar in ein türkisches Waisenhaus des Libanon verschickt, 400, die aus fremden Notstandsgeldern gekleidet und ernährt wurden, im März abbefördert, und auf Regierungswaisenhäuser in Konia, Ismid, Balikesri und Adabazar verteilt, wo sie mit muhammedanischen Kindern auferzogen und dem Islam zugeführt werden sollten. Die übrigen entzogen sich der Zwangsbekehrung durch Flucht. Auf die Frage der Schwester, warum die Regierung die Kinder gerade aus ihren Häusern nehme, antwortet ihr der Wali naiv, „daß ihre Kinder am besten genährt und am saubersten gekleidet seien. Wenn er andere verwahrloste Kinder schicke, so würde die Regierung fragen, was er mit den ihm überwiesenen Notstandsgeldern angefangen habe“.
IV. Kaukasus.
Neue Aufgaben stellte die letzte Phase des Krieges, der Kaukasusfeldzug. Als der Friede von Brest-Litowsk den türkischen Truppen den Weg ins Araxestal öffnete, wies man im Reichstag auf die neuen Gefahren hin, die nun auch die Kaukasus-Armenier und die Hunderttausende von armenischen Flüchtlingen im Gebiet von Kars und Eriwan mit dem Schicksal der türkischen Armenier bedrohten.
Noch vordem die türkischen Truppen die Kaukasusgrenze überschritten und in die Distrikte von Kars, Ardahan und Batum einrückten, wandte sich die Botschaft im Auftrage des Auswärtigen Amtes (am 8./10. Februar 1918) an die Pforte und an die militärischen Befehlshaber mit dem dringenden Verlangen, daß einer Wiederholung der armenischen Greuel auf kaukasischem Boden unter allen Umständen vorgebeugt werden müsse. Halil Bey beteuerte (11. Februar), daß strengste Befehle erlassen seien. Auf Talaat Pascha, der zurzeit in Berlin war, wurde in gleichem Sinne eingewirkt. Zu gleicher Zeit wurde der Erlaß der versprochenen Amnestie, Beschaffung von finanziellen Beihilfen zum Wiederaufbau der zerstörten Dörfer und Rückführung der Deportierten dringend angeraten (11. Februar, 2./3. März 1918). Die neu einsetzende türkische Preßkampagne gegen die Armenier, die auf Enver Pascha zurückgeht, wird gerügt. „Berichte der Milli Agence“, drahtet der Unterstaatssekretär von dem Busche, „finden nach früheren Erfahrungen keinen Glauben mehr“ (17. März 1918).
Über den Erfolg dieser Schritte berichtet der neue Botschafter, Graf Bernstorff, am 17. März 1918: „Türkische Regierung scheint diesmal wirklich redlich bestrebt, Ausschreitungen zu verhindern.“ In dem gleichen Telegramm aber schildert er die gefährliche Stimmung, die der mühelose Vormarsch der türkischen Truppen in den Kaukasus in der Hauptstadt hervorgerufen hat:
„Abwesenheit Großwesirs ist lebhaft zu beklagen, da er allein imstande ist, Zügel in die Hand zu nehmen und Kundgebungen über armenische Politik zu erlassen. Alle sonstigen hiesigen maßgebenden Kreise befinden sich augenblicklich geradezu in einem Taumel von Siegesbewußtsein, Nationalismus und Panislamismus. Sie glauben, daß alle Muhammedaner Asiens nur darauf warten, den Türken die Bruderhand auszustrecken und eine Islamkonförderation zu gründen.... Der türkische Ehrgeiz geht augenblicklich noch mehr nach Baku als nach Batum. Vielleicht könnte Talaat Pascha veranlaßt werden, von Bukarest aus durch energische Instruktionen in die Behandlung der Armenier einzugreifen.“
Schon am 22. März kommen böse Nachrichten über türkische Massaker in den neu besetzten Gebieten, die, je weiter die Türken in den Kaukasus vorrücken, um so größeren Maßstab annehmen.
Enver Pascha, der am 24. April aus dem Kaukasus zurückkehrt, ist voller Optimismus. „Alles stehe im Kaukasus großartig für die Türken. Sie brauchten nur etwas weiter vorzurücken, dann werde Georgien Frieden schließen.“ Der Botschafter verlangt vom Großwesir eine Garantie in der Armenierfrage. Talaat Pascha erwidert, er autorisiere ihn, amtlich auch zur Veröffentlichung mitzuteilen, „daß die Amnestie für friedliche Armenier nebst Geldbewilligung und Erlaubnis zur Rückkehr in die Heimat in Vorbereitung sei.“ Auf eine Rückfrage des Auswärtigen Amtes, „ob sich die Rückkehrerlaubnis auch auf die nach Rußland geflüchteten, oder nur auf die Deportierten beziehe“, erwidert Talaat Pascha: „Die Amnestie solle nur für die ‚hiesigen‘ Armenier gelten. Die nicht im Lande befindlichen (es handelt sich um ca. 250000) zurückzuholen, ‚sei gefährlich‘.“
Der Vormarsch der türkischen Truppen in den Kaukasus drängt die armenische Bevölkerung, die fluchtartig ihre Wohnsitze verläßt, in die von Tataren eingekeilten Distrikte des Gouvernements Eriwan zusammen. Mehr als eine halbe Million von Armeniern verlassen in der ersten Hälfte des April ihre Dörfer und überlassen ihre Kornfelder, die zur Ernte reifen, den türkischen Eindringlingen. Etwa 14000 Armenier im Alter zwischen 17 und 60 Jahren aus den okkupierten Distrikten werden, obwohl Enver Pascha durch eine Proklamation allen Zurückgebliebenen Sicherheit, Besitz und Freiheit garantiert hat, abgeführt und zum Arbeitsdienst gepreßt. Die Lage der armenischen Flüchtlinge, die nackt und hungrig in Bergen und Wäldern hausen — die Kinder werden zum Grasessen auf die Weide getrieben —, verschlimmert sich von Woche zu Woche, von Monat zu Monat. Auf Bitten der armenischen Regierung im Kaukasus und ihres Delegierten Aharonian in Konstantinopel fordert das Auswärtige Amt und die Botschaft von der türkischen Heeresleitung die Rückkehrerlaubnis für die geflüchteten Armenier. Der türkische Oberkommandierende Essad Pascha verweigert sie, ebenso ablehnend antwortet Enver Pascha auf ein Telegramm der Obersten Heeresleitung. Am 9. Juni läßt Feldmarschall Hindenburg an Enver Pascha drahten: