Regierungsbeamte, die sich der Ausführung der Befehle widersetzten, wurden von der Regierung ihres Amtes enthoben. Der Wali von Aleppo, Djelal Bey, wurde nach Konia versetzt, weil er in seinem Wilajet keine Deportationen und Massaker dulden wollte. Aus Konia wurde er aus demselben Grunde abberufen. Der Mutessarif Suad Bey in Der es Zor, der die Befehle der Regierung in der Ausführung zu mildern suchte, wurde durch den Tscherkessen Sekki Bey ersetzt, der die Konzentrationslager ausräumte und die schon halb verhungerten Deportierten zu Zehntausenden weiter verschickte, um sie auf dem Wege verschwinden zu lassen. Die seltenen Versuche menschlich empfindender türkischer Beamter, Notstandswerke zu organisieren, wie es Hussein Kasim Bey (vormaliger Wali von Aleppo und Saloniki) in Damaskus und Oberst Kemal Bey in Aleppo versuchte, scheiterten an dem Widerstand der Behörden. Der Kaimakam von Midiat wurde auf Befehl des Wali von Diarbekr, Reschid Bey, ermordet, weil er sich weigerte, die Christen seines Bezirks zu massakrieren. Reschid Bey selbst, der Veranstalter des Massakers von Diarbekr, wurde nicht etwa, wie der Konsul Holstein verlangte, abgesetzt, sondern nach Angora versetzt. Als er nach der Kapitulation der Türkei von der Waffenstillstandskommission verhaftet und zur Rechenschaft gezogen werden sollte, nahm er sich das Leben.

Es sei noch einmal darauf hingewiesen, daß edlere Muhammedaner das Vorgehen gegen die Armenier als eine Schande für die Türkei und als Sünde gegen die göttlichen Gebote empfanden. Auch die türkische Bevölkerung, obwohl sie der Austreibung meist gleichgültig zusah und die verlassenen armenischen Häuser plünderte, ist nicht überall mit dem Vorgehen der Regierung einverstanden gewesen; sie spürte sehr bald die infolge der Vertreibung aller Handwerker und Kaufleute hereinbrechende wirtschaftliche Not.

Nirgends aber war die Deportation, die Abschlachtung, die Aushungerung und die Islamisierung des armenischen Volkes ein Werk gehässiger oder fanatischer Volksleidenschaft. Genau so wie zur Zeit Abdul Hamids war die Vernichtung der Armenier eine administrative Maßregel der türkischen Regierung.

2.
Deutsche Beteiligung.

Man hat Deutschland nicht nur bezichtigt, die Maßregel der Deportation inspiriert und organisiert zu haben, man hat auch einzelne Deutsche beschuldigt, sich aktiv an den Massakers beteiligt zu haben. Soweit mir ausländische Druckschriften und Zeitungen zu Gesicht gekommen sind, handelt es sich um drei Fälle.

1. Der Fall Rößler. In der englischen und französischen Presse (Times, Westminster Gazette, Matin, Havas-Telegramm von 30. September) wurde Konsul Rößler beschuldigt, sich von Aleppo nach Aintab begeben zu haben, „um dort in Person Massakers zu dirigieren“. Im englischen Oberhaus wurde als indirekter Beweis der Mitschuld Deutschlands von Lord Crewe auf Grund von „Berichten amerikanischer Augenzeugen“ mitgeteilt, „daß deutsche Konsularbeamte in Kleinasien nicht nur zugesehen, sondern zu den Greueltaten kräftig aufgemuntert hätten“. Es könnte genügen, auf den gesamten Inhalt der hier veröffentlichten deutschen Konsularberichte hinzuweisen, um diese Verleumdungen zu entkräften. Da es sich aber im Falle Rößler um spezialisierte Angaben handelt, die auf die Dienstreise des Konsuls nach Marasch vom 28. März bis zum 10. April 1915 Bezug nehmen, habe ich Zeugnisse von amerikanischen Missionaren in Marasch und Aintab und von Mr. E. C. Woodley, der englischer Staatsangehöriger ist, in die Akten aufgenommen, die die Beschuldigung vollkommen entkräften. (Nr. 25, Anl. 2;Nr. 188, Anl. 1–5.)

2. Der Fall Eckart. In dem englischen Blaubuch Nr. 31 (1916) „The Treatment of Armenians in the Ottoman Empire, 1915/16 Documents presented to Viscount Grey of Fallodon by Viscount Bryce. London, Causton and Sons 1916“ (auch verwertet von A. Mandelstam, „Le sort de l’Empire Ottoman, Payot et Cie“, 1917, S. 304) findet sich unter Nr. 134, S. 530, der Auszug eines Briefes von Mr. Toumas K. Muggerditschian, publiziert in der armenischen Zeitung „Gotchnag“ vom 1. April 1916. Mr. Muggerditschian bezieht sich auf den Bericht zweier Damen, von denen eine, eine Engländerin, auf der Durchreise durch Aleppo von zwei Armeniern, die von Urfa kamen und dort Gäste des Deutsch-Schweizers Jakob Künzler waren, das Folgende über die Mitwirkung von Herrn Eckart bei den Massakers in Urfa gehört haben will. Ich schicke voraus, um die angebliche letzte Quelle zu charakterisieren, daß Herr Eckart und Herr Künzler im Dienst der gleichen deutschen Missionsgesellschaft stehen, der von mir begründeten Deutschen Orientmission, daß sie meine Mitarbeiter und Freunde sind, und zwei Jahrzehnte lang, auch während des Krieges, alle ihre Kräfte dem armenischen Hilfswerk in Urfa gewidmet haben. Herr Künzler war Diakon am Missionsspital, Herr Eckart Leiter des Waisenhauses und der Teppichmanufaktur. Herrn Künzler also werden die folgenden Aussagen in den Mund gelegt:

„Zugleich bedauerte Herr Künzler, daß Herr Eckart (im englischen Text fälschlich geschrieben Eckhard) die Armenier verraten und die Türken gegen sie aufgereizt habe. Herr Eckart — der Expräsident des deutschen Waisenhauses in Urfa und jetzt der Geschäftsleiter der Teppichfaktorei — ist ein deutscher Artilleriehauptmann, der nach den Massakers von 1895/96 als Missionar und Spion nach Urfa kam. Im Herbst 1915 ermutigte er den türkischen, kurdischen und arabischen Mob, die Armenier anzugreifen, und ist für die dreimal wiederholten Massaker verantwortlich. Das erste Massaker, in dem 250 Armenier getötet wurden, fand am 19. August 1915 statt; das zweite fand am 23. September statt, es dauerte eine Woche, in der ungefähr 300 Personen getötet und die Stadt geplündert wurde; das dritte fand um den 1. Oktober statt. Zunächst wurden alle Armenier aufgefordert, sich bereit zu machen, nach Der es Zor zu gehen. Als sie einwandten, daß sie alles verloren hätten und nichts behalten hätten, das sie mitnehmen könnten, befahl Fakhri Pascha, sie zu massakrieren. Das Massaker dauerte 10 Tage. Der deutsche Artilleriehauptmann zerstörte die armenischen Quartiere, die Kirche und alles andere, in dem er so der armenischen Bevölkerung von Urfa ein Ende machte. Damals war es, daß Rev. Apelian, der Apotheker Apraham Attarian, Solomon Effendi Knadjian, Abuhajadian und Hagobian auf Verlangen des Herrn Eckart eingekerkert wurden. Rev. Apelian, Attarian und Hagobian wurden erhängt, Knadjian und Abuhajadian erschossen.“

Über den wirklichen Hergang der Ereignisse in Urfa liegen die Berichte von Herrn Künzler in den Aktenstücken vor. Die massiven Lügen über Herrn Eckart, die angeblicherweise Herrn Künzler in den Mund gelegt werden, sind mit wenigen Worten zu entkräften. Herr Eckart war vor 20 Jahren Volksschullehrer. Er hat niemals bei der Artillerie gedient und niemals in seinem Leben ein Geschütz abgefeuert. Er war nicht Expräsident, sondern bis zu seiner Abreise von Urfa im Jahre 1918 Leiter des armenischen Hilfs- und Waisenwerks und der Teppichmanufaktur, die von mir mit Hilfe deutscher, dänischer, holländischer und schweizer Armenierfreunde als armenisches Hilfswerk vor 20 Jahren nach den Abdul Hamid’schen Massakers begründet worden ist und bis zum Ausbruch des Krieges 400 armenischen Frauen und Mädchen Arbeit und Brot gab. Im Waisenhaus hat er über 700 armenische Waisenkinder auferzogen. Auch während des Krieges hat Herr Eckart alles, was in seinen Kräften stand, getan, um das Leben der Armenier von Urfa zu schützen und den Notleidenden zu helfen.

Es ist nichts Ungewöhnliches, daß sich die Verleumdung, wie es die Fälle Rößler und Eckart beweisen, gerade diejenigen Männer aussucht, die sich in Wahrheit die größten Verdienste erworben haben.