Deutsch-Armenische Gesellschaft.
Potsdam, den 17. April 1916.
Gr. Weinmeisterstraße 45
Von dem armenischen Zentralkomitee in der Schweiz erhielten wir gestern die telegraphische Mitteilung, daß die Führer der Daschnakzagan und die armenischen Intellektuellen, die am 25. April v. J. ins Innere transportiert wurden (nach Ajasch bei Angora, Tschangri, Tschorum, Aleppo usw.), nach Konstantinopel gebracht wurden, um vom Kriegsgericht verurteilt und gehängt zu werden. Es sollen im ganzen 190 sein. Unter ihnen Aknuni, Hajak, Malumian, Sartarian, Siamanto und alle im Vordergrund stehenden Männer der armenischen Intelligenz. Das Zentralkomitee der Daschnakzagan richtet durch uns im Namen der armenischen Nation die dringende Bitte an die Reichsregierung, daß die Ermordung ihrer Führer und Intellektuellen — nach der allgemeinen Deportation der schwerste Schlag, der die Nation treffen kann — durch den Kaiserlichen Botschafter in Konstantinopel verhindert werden möchte.
Wir nehmen darauf Bezug, daß auf Veranlassung des Auswärtigen Amtes im Juni v. J. die Kaiserliche Botschaft mit Erfolg für eben diese Verbannten eingetreten ist, so daß sie zum größten Teil bis jetzt mit dem Leben davongekommen sind.
Der Vorstand der Deutsch-Armenischen Gesellschaft kann nicht dringend genug anraten, daß alles geschehen möchte, um die Führer der türkischen Armenier am Leben zu erhalten. Die gegen sie gerichteten Beschuldigungen sind nachweislich unwahr und können nur durch gekaufte Zeugen und unter Tortur erzwungene Aussagen bewiesen werden. Der Zweck der vom Komitee für Einheit und Fortschritt geplanten Exekution ist, abgesehen von der Befriedigung des Rachegefühls für die russischen Erfolge in Hocharmenien, der, durch eine öffentliche Hinrichtung den Schein zu erwecken, als sei eine allgemeine Verschwörung entdeckt worden, und so die bisherige Ausrottungspolitik zu rechtfertigen und die Notwendigkeit etwaiger weiterer Maßnahmen zu begründen.
Das deutsche Interesse wird, nächst den Forderungen der Humanität, nach drei Seiten berührt.
1. Die Hinrichtung der Führer der türkischen Armenier wird die russischen Armenier zur äußersten Wut reizen und sie antreiben, ihre ganze nationale Kraft für die Ausdehnung der russischen Erfolge in Armenien und den Vormarsch gegen Mesopotamien und Bagdad einzusetzen. Die 1¾ Millionen Armenier im Kaukasus und in Südrußland, dazu ¼ Million aus der Türkei geflüchteter Armenier im Araxestal, fallen für den Erfolg der russischen Operationen ins Gewicht.
2. Von armenischer Seite ist bisher mit Rücksicht auf das Schicksal der türkischen Armenier, deren Führer sich als Geiseln in den Händen der türkischen Regierung befinden, von terroristischen Mitteln gegen die verantwortlichen Leiter der türkischen Politik Abstand genommen worden. Diese Rücksicht würde nach der Exekution fortfallen. Als Antwort auf die systematische Vernichtung der armenischen Nation könnte eine Ära der terroristischen Mittel einsetzen.
3. Die russischen Armenier waren vor dem Kriege der Einverleibung der von Rußland okkupierten armenischen Gebiete in Rußland abgeneigt und wünschten unter entsprechenden Sicherheiten für den Fortbestand ihrer Nation die Erhaltung der Souveränität des Sultans. Durch die Befreiung der armenischen Führer von der ihnen drohenden Exekution kann Deutschland die verlorenen Sympathien der türkischen Armenier zurückgewinnen und auch auf die russischen Armenier in der Richtung einwirken, daß sie bei der Neugestaltung der von den Russen okkupierten armenischen Gebiete das armenische Interesse vom russischen trennen.
4. Es sollte verhindert werden, daß sich die Sympathien von 3 Millionen Armeniern in Rußland, in der Türkei und im Auslande ausschließlich der Entente und Amerika zuwenden, und daß im armenischen Bewußtsein Deutschland für die verhängnisvolle innere Politik der Türkei verantwortlich gemacht wird.