Mordtmann.
260.
Kaiserlich
Deutsches Konsulat.
Aleppo, den 27. April 1916.
Über die Verschickung der Armenier, ihre Folgen und Begleiterscheinungen habe ich zuletzt unter dem 9. Februar d. J. berichtet. Das Sterben des Volkes hält seitdem an. Manche der nachfolgend berichteten Einzelzüge tun von neuem dar, daß es planvoll auf seine Aufreibung abgesehen ist.
1. Um die Mitte Februar wurden alle Kinder aus Killis nach Bab überführt, nachdem schon früher die Frauen weiterverschickt waren.
2. Am 16. April sind die in Maarra und den umliegenden Dörfern „angesiedelten“ Armenier, die größtenteils durch Hunger und Entbehrungen schon stark entkräftet waren, in Richtung Der-es-Zor weiterverschickt worden.
3. Am 19. April wurde hier bekannt, daß Befehl ergangen war, die bis dahin in Marasch verschont gebliebenen 9000 Armenier, den Rest von ehemals 24000, gleichfalls zu verschicken. Diese Leute hatten bei den ersten Verbannungen, in Ausführung des Befehls, sich zur Wanderung bereit zu halten, ihr letztes Hab und Gut verkauft und sind seitdem durch Entbehrungen sehr entkräftet. Mit der Ausführung des Befehls ist begonnen worden. 120 Familien sind bis zum 25. April in Aintab angekommen, von wo sie über Biredjik nach Der-es-Zor weiter sollen. Am 26. oder 27. wird ein zweiter größerer Schub in Aintab erwartet.
4. Wie ich am 20. April von einem aus Der-es-Zor kommenden türkischen Offizier erfahren habe, hat der Mutessarrif von Der-es-Zor Befehl erhalten, nur so viel Armenier dort zu lassen, als 10 Prozent der ansässigen Bevölkerung entspricht, den Rest aber nach Mossul weiter zu schicken. Die ansässige Bevölkerung von Der-es-Zor mag vielleicht 20000 betragen. Die Zahl der dorthin verschickten Armenier wird auf wenigstens 15000 zu schätzen sein, so daß also mindestens 13000 fortzuschicken wären. Der Mutessarrif Suad Bey, ein menschenfreundlicher Mann, der jahrelang in Ägypten gelebt hat, ist einer der wenigen türkischen Beamten, welche die grausamen Befehle der Regierung in ihrer Ausführung zu mildern suchen; trotzdem war der Offizier der Ansicht, daß der größte Teil der Unglücklichen verschickt werden müsse und die wenigsten davon in Mossul ankommen würden. Was Beduinen, Yesiden und Kurden übrig lassen sollten, das wird Hunger, Entbehrung und Krankheit dahinraffen.
Nachrichten vom 19. April besagen, daß in jeder der Stationen zwischen Aleppo und Der-es-Zor, also in Meskene, Abu Hrere, Hamam, Sabkha, täglich 50–100 Menschen sterben, davon der größte Teil an Hunger.