Therapia, den 10. Juli 1916.
Die Armenierverfolgungen in den östlichen Provinzen sind in ihr letztes Stadium getreten.
Die türkische Regierung hat sich in der Durchführung ihres Programms: Erledigung der armenischen Frage durch die Vernichtung der armenischen Rasse, weder durch unsere Vorstellungen noch durch die Vorstellungen der amerikanischen Botschaft und des päpstlichen Delegaten, noch auch durch Drohungen der Ententemächte, am allerwenigsten aber durch die Rücksicht auf die öffentliche Meinung des Abendlandes beirren lassen; sie steht jetzt im Begriff, die letzten Ansammlungen von Armeniern, welche die erste Deportation überstanden haben, aufzulösen und zu zerstreuen.
Es handelt sich hierbei um Armenier, die in Nordsyrien (Marasch, Aleppo, Ras-ul-Ain) sowie in einigen größeren Ortschaften Kleinasiens (Angora, Konia) zurückgeblieben sind, namentlich solche, die durch Verschickung dorthin gelangt oder schon früher dort eingewandert waren. Aber auch unter der alteingesessenen Bevölkerung und unter den katholischen und protestantischen Armeniern wird jetzt aufgeräumt, obwohl die Pforte wiederholt die Schonung dieser letzteren zugesagt hatte.
Diese Überreste werden teils nach Mesopotamien weiter verschickt, teils islamisiert.
Das Konzentrationslager in Ras ul Ain, das Ende April noch 2000 Insassen zählte, ist vollständig geräumt; ein erster Transport ist auf dem Marsch nach Der-es-Zor überfallen und zusammengehauen worden; es wird vermutet, daß es den übrigen nicht besser ergangen ist[134].
In Marasch und Aleppo ist die Verschickung in vollem Gange; in Marasch wurden nicht einmal die Familien geschont, die früher vom Minister des Innern spezielle Aufenthaltsermächtigungen hatten. In Angora ist der durch seine Tätigkeit in Diarbekr bekannte Wali Reschid Bey beschäftigt, die letzten Armenier (ausschließlich Katholiken) ausfindig zu machen und auszutreiben. In gleicher Weise wird mit den in Eskischehir und in der Umgegend von Ismid noch befindlichen protestantischen und katholischen Armeniern verfahren.
Trotz aller offiziellen Ableugnungen spielt in dieser letzten Phase der Armenierverfolgungen die Islamisierung eine große Rolle.
Bereits Ende April berichtete der Pfarrer Christoffel aus Siwas, daß er in Eregli die letzten christlichen Armenier angetroffen habe; von dort bis Siwas war gründlich aufgeräumt. Entweder verschickt, oder bekehrt oder umgebracht. Man hörte nirgends mehr einen armenischen Laut. In Karahissar-Scharki waren anscheinend noch einige Gruppen christlicher Armenier übrig geblieben. Letzthin sollten sie in Gemeinschaft mit den dortigen Griechen ein Komitee gebildet haben, um unter den Soldaten einen Aufstand zu erregen. Daraufhin wurden alle Armenier festgenommen, um verschickt zu werden; sie haben es dann vorgezogen, zum Islam überzutreten. Aus Damaskus zeigt Konsul Loytved unter dem 30. Juni an: „Armenier werden sämtlich mehr oder weniger gezwungen, Muhammedaner zu werden; in Deraa haben 149 Familien den Islam angenommen, nur eine einzige blieb dem christlichen Glauben treu.“
Endlich muß hier das Vorgehen der Pforte gegen die Anstalten erwähnt werden, die von deutschen und amerikanischen Vereinen zum Wohl der armenischen Bevölkerung in jenen Gegenden bisher unterhalten wurden, wie Waisenhäuser, Spitäler, Schulen u. dgl. Die wenigen Anstalten, die noch nicht geschlossen sind, werden durch die Behörden tagtäglich bedroht mit Verschickung des armenischen Personals, der Schul- und Waisenkinder und mit anderen Maßregeln. Einzelne Vergünstigungen, die die Regierung noch im vorigen Jahre zugestanden hatte, sind zurückgezogen worden, und es ist nur geringe Hoffnung vorhanden, daß diese Anstalten nach dem Kriege ihre Tätigkeit in dem früheren Umfange werden aufnehmen können. Die türkische Regierung hat richtig erkannt, daß die von den Ausländern geleiteten Schulen und Waisenhäuser einen großen Einfluß auf die Weckung und Entwicklung des armenischen Nationalgefühls gehabt haben; es ist von ihrem Standpunkt aus nur konsequent, wenn sie sie einer straffen Kontrolle unterstellt, oder ganz eingehen läßt.