Ebenso darf man in der zwangsweisen Islamisierung der Armenier zunächst keine von religiösem Fanatismus eingegebene Maßregel erblicken. Den jungtürkischen Gewalthabern dürften solche Gefühle fremd sein. Dagegen bleibt es wahr, daß, um auch im Herzen ein guter osmanischer Patriot zu sein, man vor allem sich zum Islam bekennen muß. Die Geschichte des türkischen Reiches von seinem Beginn bis in die letzten Zeiten ist da, um die Richtigkeit des Satzes zu beweisen, daß im Orient Glaubensbekenntnis und Nationalität identisch sind, und jeder Osmane ist in seinem Innern hiervon überzeugt. Die gegenteiligen amtlichen und nichtamtlichen Versicherungen gehören samt dem begleitenden Apparat von Belegstellen aus Koran und Tradition zu den konventionellen Phrasen, deren man sich seit der Ära der Reformfermane den Europäern gegenüber bedient, um die Toleranz des Islams und der Osmanen zu beweisen. So entsprechen auch die Dementis, welche die Minister den Mitteilungen über die Glaubensverfolgungen entgegensetzen, zunächst den Anforderungen des guten Tons; sie treffen aber insofern zu, als das leitende Motiv nicht religiöser Fanatismus ist, sondern die Absicht, die Armenier mit den muhammedanischen Bewohnern des Reiches zu amalgamieren.
So sehr es auch zu beklagen ist, daß es uns nicht gelungen ist, die Armenierpolitik der Pforte in andere Bahnen zu lenken, so haben andererseits weder unsere Feinde noch die Neutralen ein Recht, uns daraus einen Vorwurf zu machen. Wir haben nach besten Kräften das Los des unglücklichen armenischen Volksstammes in der Türkei zu mildern gesucht, sowohl durch Einwirkung auf die Regierung wie durch Hilfsleistungen.
Metternich.
Seiner Exzellenz dem Reichskanzler
Herrn von Bethmann Hollweg.
288.
Kaiserliches
Deutsches Generalkonsulat.
Genf, den 12. Juli 1916.
Die hiesigen Vertreter des Schweizerischen Hilfswerks für die Armenier, der Schweizer Herr Leopold Favre und der ehemalige Pastor der deutsch-evangelischen Gemeinde von Genf, Herr Adolf Hoffmann (Reichsangehöriger), haben mir mitgeteilt, daß ihr Komitee die Absicht habe, den auf türkischem Gebiet lebenden notleidenden Armeniern aufs neue Geld unterstützungen zukommen zu lassen. Das Hilfskomitee würde es mit Dank begrüßen, wenn es für dieses Unternehmen bei den Kaiserlichen Konsularbehörden in Kleinasien Unterstützung finden würde und wenn es sich ermöglichen ließe, die von dem Komitee für den angegebenen Zweck gesammelte Geldsumme durch die Vermittlung unserer Konsuln unter die hilfsbedürftigen Armenier zu verteilen.
Geißler.
Seiner Exzellenz dem Reichskanzler
Herrn von Bethmann Hollweg in Berlin.