Manche Armenier haben Unterschlupf in Araberhäusern gefunden. Zu deren Aufsuchung ist Gendarmerie aufgeboten, die förmliche Jagden veranstalten soll. Die Beute wird in Euphratkähne geladen und nach Der-es-Zor gebracht.
Die Nomaden haben nach meinem Gewährsmann jenen Winkel zwischen Euphrat und Chabur verlassen, angeblich wegen der geschilderten Vorgänge.
In Aleppo hat die Verschickung der nicht „eingesessenen“ Armenier noch keinen großen Umfang angenommen. Immerhin sind ihr bisher schon etwa 800 verfallen. Dabei wird rücksichtslos auf der Straße aufgegriffen. Einen Aleppiner Bekannten traf jener deutsche Offizier beispielsweise unterwegs in einem Trupp von 50 Leuten in Pantoffeln und Hausrock ohne jedes Gepäck; er war beim Einkauf auf dem Markte aufgehoben, ins Sammellager geführt und verschickt worden.
Auch für die hiesigen Waisenhäuser, in denen man die Waisen Verschickter gesammelt, scheint die wiederholt angedrohte letzte Stunde nunmehr geschlagen zu haben. Diese Waisenhäuser werden bekanntlich von europäischen (Schweizer und deutschen) und amerikanischen Hilfsgeldern unterhalten und von armenischen Geistlichen und (eins mit über 800 Waisen) Schwestern des Deutschen Hilfsbundes für christliches Liebeswerk verwaltet. Jetzt hat die hiesige Regierung einen besonderen Kommissar für diese Waisenhäuser ernannt, der die Übernahme in türkische Verwaltung ausführen soll. Nach unter der Hand eingezogenen Erkundigungen soll diese nach folgenden Grundsätzen vor sich gehen:
Die Knaben über 13 Jahre sollen verschickt, die Mädchen über 13 verheiratet werden (natürlich an Muhammedaner). Die Kinder zwischen 10 und 13 Jahren werden, weil sie schon unter dem Eindruck des Erlebten stehen, von den jüngeren getrennt in rein türkischen Waisenhäusern untergebracht, wo sie ein Handwerk lernen sollen. Die Kinder unter 10 Jahren werden in besonderen Waisenhäusern erzogen. Das heißt mit anderen Worten: Die Knaben über 13 Jahre werden umgebracht, die Mädchen dieses Alters in die Harems gesteckt — ein auffallend hübsches 12 jähriges Mädchen wurde soeben unter Drohung von Repressalien gegen hier lebende Verwandte aus dem neben dem Konsulat gelegenen Waisenhaus weggenommen und zwangsweise an einen stadtbekannten 70 jährigen Pascha verheiratet — die kleineren Kinder dem Islam zugeführt, soweit sie die türkische Waisenhausverwaltung überstehen.
In Hama, Homs, Damaskus usw. sind, übereinstimmenden Nachrichten zufolge, in den letzten Wochen die Verschickten in Massen durch die Drohung weiterer Verschickung zum Übertritt zum Islam gepreßt worden. Dieser geht rein bürokratisch vor sich: Eingabe, und darauf Namensveränderung.
Daß die Türkei durch diese Scheinbekehrung wirklich eine Vertürkung der Armenier erreichen könnte, muß als Illusion angesehen werden. Augenscheinlich schweben den Urhebern Beispiele aus der Erobererzeit des Osmanentums vor. Sie dürften aber ihre Rechnung ohne das heute ganz anders gestärkte Rassen- und Nationalgefühl gemacht haben und ohne den abgrundtiefen Haß, der ganz natürlicherweise auch in den neuen armenischen Muhammedanern gegen das eigentliche Türkentum — den Henker ihres Volkes — weiter leben wird. Werden die muhammedanischen Armenier somit nach allem Erlebten auch im Denken und Fühlen Armenier bleiben — und sicherlich nicht nur in der gegenwärtigen Generation —, so macht sie ihre Vermummung im Islam dem türkischen Volkstum künftig nur noch gefährlicher, weil weniger kenntlich.
I. V.:
Hoffmann.
An die Kaiserliche Botschaft in Konstantinopel.