Die zweite tief eingreifende Veränderung ist die Beseitigung des „Grand Conseil de la Nation“, des großen Volksrats der Armenier.
Das neue Gesetz hat durch die Aufhebung des Volksrates und andere Bestimmungen dem demokratischen Regiment ein Ende bereitet. Der zukünftige Katholikospatriarch und seine Suffragane sind nunmehr unabhängig von dem russisch-armenischen Kirchenfürsten von Etschmiadsin und von dem politischen Parteien der Hauptstadt und haben den ihnen zustehenden Einfluß als Vorsteher der Gemeinde. Andererseits ist damit eine empfindliche Capitis deminutio verbunden. Der Patriarch der Armenier ist nicht mehr Oberhaupt des armenischen Millet („Nation“), sondern einer Djemaët, Kultusgemeinde; denn mit diesem Ausdruck, der im Kanzleistil der Hohen Pforte von den bescheidenen Gemeinden der protestantischen Armenier und Karaitischen Juden gebraucht wird, während Griechen, Juden und bisher auch die Armenier ein „Millet“ bildeten, werden die letzteren jetzt im neuen Gesetz bezeichnet. Als einfache Gemeindevorsteher sind der Katholikospatriarch und die Bischöfe aller politischen Befugnisse entkleidet und, abgesehen von ihren kirchlichen Funktionen, auf die Verwaltung der Gemeindeangelegenheiten beschränkt. Der Sitz des Oberhauptes ist aus der Hauptstadt nach Jerusalem verlegt, wo er jeder politischen Betätigung entrückt ist; er ist nicht mehr das Exekutivorgan des Volksrates, sondern lediglich der Befehle der Regierung; überdies darf er fortan nur mit dem Kultusamte als vorgesetzter Behörde verkehren, während er früher Zutritt zu sämtlichen Behörden und zum Sultan hatte. Endlich ist die Zahl der Bischöfe dadurch erheblich verringert worden, daß solche in Zukunft nur für Distrikte mit über 15000 Seelen bestellt werden dürfen. Nach der Aussiedelung der armenischen Bevölkerung aus Kleinasien und Rumelien dürften nur wenige Distrikte übrig geblieben sein, in denen die armenische Bevölkerung diese Ziffer erreicht.
Das neue Gesetz vom 1. August d. J. zieht das Fazit aus den Maßregeln der Regierung, durch die die osmanischen Armenier als lebensfähige Nation vernichtet werden sollen; auf die Massenaussiedelungen mit der Niedermetzelung der Männer, Islamisierung der Zurückgebliebenen und der Kinder ist die Vermögenskonfiskation, auf diese nunmehr die Zertrümmerung der politischen Gemeinde erfolgt.
Metternich.
An Seine Exzellenz den Reichskanzler
von Bethmann Hollweg.
297.
Kaiserliches
Konsulat Aleppo.
Aleppo, den 29. August 1916.
Über den Stand der Armenierverschickung in der Euphratgegend berichtet ein deutscher Offizier, der soeben von dort zurückgekehrt ist und die Zustände von früheren Reisen auf derselben Strecke gut kennt, folgendes:
Die Straße Aleppo-Der-es-Zor (die die Verschicktenzüge seit langen Monaten benutzen) biete jetzt ein verändertes Bild: sie sei verhältnismäßig leer geworden. Zwar seien bei den Aleppo zunächst gelegenen Stationen noch größere Armenierlager vorhanden. Weiter nach Süden zu, von Meskene ab, seien die Lager bedeutend verkleinert. Von den großen Stationen sei Sabkha ganz, Der-es-Zor bis auf einige hundert Handwerker, die für die Truppen arbeiteten, geleert, während an letzterem Orte noch vor 8 Wochen viele Tausende (von anderer Seite auf 20000 geschätzt) gelagert gewesen seien. Die geistigen Führer, wie Lehrer, Anwälte, Geistliche habe man in der letzten Zeit aus den Lagern gesammelt und in die Regierungsgebäude (also wohl in Gefängnisse) gesperrt. Alle übrigen — auch diejenigen, die in den nördlicheren Stationen sich wirklich anzusiedeln begonnen hatten — seien verschwunden. Nach amtlicher Lesart seien sie nach Mossul weitergeführt (d. h. einen Weg, auf dem die wenigsten Aussicht haben, lebend ans Ziel zu gelangen), nach allgemeiner Volksmeinung aber in den kleinen Tälern südöstlich von Der-es-Zor, im Winkel zwischen Euphrat und Chaburfluß, umgebracht worden. Man habe die Armenier nach und nach in Trupps von einigen Hunderten abgeführt und von dazu bestellten Tscherkessenbanden abschlachten lassen. Diese Angaben wurden dem Offizier bestätigt von einem arabischen Augenzeugen, der gerade vom Schauplatz einer solchen Szene kam, wohin ihn die Neugier getrieben hatte. Der Mann machte auf den Offizier einen glaubwürdigen Eindruck. Er erwähnte bei seiner Schilderung, deren Einzelheiten ich übergehe, zurzeit harrten an der von ihm besuchten Stelle noch dreihundert Armenier der Abschlachtung; die Hälfte kämen noch am selben Nachmittag, der Rest in der Nacht an die Reihe.