Bericht des Herrn J. Christoffel, Vorsteher des Blindenheims Malatia, über die Lage der Armenier, an Pastor G. Stoevesandt, Berlin.
Malatia, den 26. März 1917.
Ich benutze eine günstige Gelegenheit, um Nachricht zu geben. In der Hauptsache die Lage der orientalischen Christen Betreffendes.
Die Verluste des armenischen Volkes seit der Verschickung Sommer 1915 bis heute übersteigen 1 Million. Ein Teil wurde in den Gefängnissen, nach fürchterlichen Folterqualen, getötet. Von Frauen und Kindern starben die meisten auf dem Wege in die Verbannung, an Hunger, Seuche und Mord. Auf Einzelheiten kann ich nicht eingehen. Sollte A. K. Gelegenheit haben, Sie zu sehen, so kann er mehr oder weniger meine nackten Sätze illustrieren.
Ein kümmerlicher Rest der Verschickten fristet in den Ebenen Syriens und Nordmesopotamiens ein elendes Dasein und wird durch Seuchen und Zwangsbekehrungen täglich kleiner. Männer sind nur vereinzelt übrig geblieben. In den Städten Anatoliens befindet sich noch eine Anzahl Versprengter, Geflüchteter, die aber meistens zum Islam übergetreten sind. Neben den Zwangsbekehrungen, die in Massen stattfanden, stand als ein anderes charakteristisches Zeichen die Massenadoption armenischer Kinder. Es handelt sich da um viele Tausende. Sie werden künstlich zu fanatischen Muhammedanern gemacht. Das Morden hat nachgelassen, aber der Vernichtungsprozeß hat nicht aufgehört, hat nur andere Formen angenommen.
Den Leuten ist alles geraubt worden. Eigentum, Familie, Ehre, Religion, Leben. Im Herbst 1915 kam für die protestantischen und katholischen Armenier, wahrscheinlich auf Veranlassung der deutschen und österreichischen Botschaft, ein Gnadenerlaß heraus, der diese vor der Verschickung bewahren und sie in Besitz ihres Eigentums lassen sollte. Er war nur wie ein Schlag ins Wasser. Meistenteils wurde er unterdrückt, bis die protestantischen Männer getötet waren, und auch für die Frauen und Kinder hatte er kaum praktische Bedeutung.
Vom Schwarzen Meer bis nach Syrien ist die Predigt des Evangeliums verstummt, ausgenommen in den deutschen Anstalten. Die protestantischen Gemeinden sind vernichtet. Ihre Prediger, bis auf einzelne Ausnahmen (vielleicht 4 bis 5), getötet. Ihre Kapellen und Schulen weggenommen, geschändet oder zerstört. Dasselbe gilt von den katholischen und altarmenischen Gemeinden.
Den armenischen revolutionären Kreisen die Verantwortung zuzuschieben, ist ein Unsinn. Die haben vom türkischen Standpunkt aus gefehlt, nicht so vom armenischen aus. Die Nation als solche war nicht schuldig. Das weiß die türkische Regierung so gut wie jeder in diesem Lande. Für uns deutsche Missionare ist es unsagbar schwer, daß Deutschland von Christen und Muhammedanern als der Urheber der Greuel angesehen wird. Die Ansicht wird von türkischer Seite genährt und gestärkt. Bleibt dieser Vorwurf auf Deutschland haften, dann wird er auf Jahrzehnte hinaus das größte Hindernis deutscher Mission sein, sowohl den Christen wie den Muhammedanern gegenüber. Nachrichten aus türkischen oder turkophilen Kreisen sind entweder glatt abzulehnen oder mit größtem Mißtrauen zu behandeln. Wenn jemals diese Verfolgung untersucht werden sollte, so müßte von deutscher Seite darauf gedrungen werden, daß damit:
1. Unparteiische, unabhängige Männer beauftragt würden, die auch Verständnis für die religiöse Seite der Frage haben.
2. Den Armeniern, die zwangsweise zum Islam bekehrt wurden, muß Gelegenheit gegeben werden, den Übertritt rückgängig zu machen, und zwar dieses, ohne daß sie für Leib und Leben zu fürchten haben.