Alle Armenier waren schon von Todesangst befallen. Beinahe täglich sandten sie den päpstlichen Delegaten, den Patriarchen oder sonstige Abgesandte zu mir, um Hilfe zu erbitten. Türkische Regierung scheint diesmal wirklich ehrlich bestrebt, Ausschreitungen zu verhindern.
Abwesenheit Großwesirs ist lebhaft zu beklagen, da er allein imstande wäre, Zügel in die Hand zu nehmen und Kundgebungen über armenische Politik zu erlassen. Alle sonstigen hiesigen maßgebenden Kreise befinden sich augenblicklich geradezu in einem Taumel von Siegesbewußtsein, Nationalismus und Pan-Islamismus. Sie glauben, daß alle Muhammedaner Asiens nur darauf warten, den Türken die Bruderhand auszustrecken und eine Islam-Konföderation zu gründen. Großwesir steht nach Euerer Exzellenz Telegramm noch auf dem gleichen Standpunkt wie früher, daß er nicht unbedingt Batum behalten will. Der türkische Ehrgeiz geht augenblicklich wenigstens noch mehr nach Baku als nach Batum.“
Vielleicht könnte Talaat Pascha veranlaßt werden, von Bukarest aus durch energische Instruktionen in die Behandlung der Armenierfrage einzugreifen.
Bernstorff.
377.
Aufzeichnung.
Berlin, den 19. März 1918.
Vom Herrn Stellvertreter des Staatssekretärs seinen Erklärungen im Reichstag am 21. und 22. März zugrunde gelegt.
... Das Auswärtige Amt und die Kaiserlichen Vertretungen in der Türkei haben von Beginn der armenischen Krise an alles mit diplomatischen Mitteln mögliche getan, um das Los der Armenier zu mildern. Die Kaiserliche Regierung ist bei ihrem Druck auf die türkische Regierung bis zur äußersten Grenze gegangen. Die Verantwortung dafür, durch einen Bruch mit der Türkei wegen der Armenierfrage die Südostflanke unserer Weltkampfstellung zu entblößen und dadurch unsere damals im Osten und Westen schwer ringenden Heere in eine bedrohliche Lage zu bringen, hätte keine deutsche Regierung tragen können.
Als nach Abschluß des Waffenstillstands von Brest-Litowsk die Möglichkeit einer Räumung der damals von den Russen besetzten ostanatolischen Provinzen näher rückte, haben wir uns sofort mit den türkischen Staatsmännern wegen der Behandlung der Frage der Armenier in Verbindung gesetzt und ihnen gesagt, wie wichtig es im eigensten Interesse der Türkei, auch wegen ihrer Beziehungen zu den Bundesgenossen ist, daß beim Wiedereinmarsch der türkischen Truppen Ausschreitungen gegen die armenische Bevölkerung vermieden und daß von vornherein die Grundlagen für friedliche Verhältnisse zwischen den christlichen und muhammedanischen Elementen geschaffen werden. Der Finanzminister und der Minister des Äußern, mit denen im Januar bei ihrem Aufenthalt in Berlin in diesem Sinne gesprochen wurde, zeigten volles Verständnis und erklärten sich auch grundsätzlich damit einverstanden, daß sich nach Wiedereinnahme Ostanatoliens deutsche Wohltätigkeitsunternehmungen der Armenier dort annähmen.