Anfang Februar gelangte die Nachricht hierher, daß die russischen Truppen aus Ostanatolien abzogen, daß sich aber in dem von ihnen verlassenen Gebiet armenische Freischaren unter Führung fremder Offiziere gebildet haben und dort schlimm hausten. Einzelheiten sind durch die amtliche türkische Telegraphenagentur bekannt gegeben worden. Diese Nachrichten haben vielfach keinen Glauben gefunden und sind so aufgefaßt worden, als ob die türkische Regierung damit ein beabsichtigtes grausames Vorgehen gegen die Armenier im voraus entschuldigen wollte. Diese Auffassung scheint nicht begründet. Obwohl andere telegraphische Meldungen aus dem Kaukasus ins Ausland gelangen, ist bisher in keinem feindlichen oder neutralen Blatte eine Nachricht über türkische Ausschreitungen veröffentlicht worden. Auch das schweizerische Hilfskomitee für Armenien hat keine solche Nachricht erhalten. Einem Telegramm der Genfer Gruppe der armenischen Sozialisten an das Internationale Sozialistische Büro in Genf, worin von neuen türkischen Metzeleien nach Räumung des Landes durch die Russen die Rede ist, liegen offenbar nur Befürchtungen zugrunde. Diese Befürchtungen sind im Hinblick auf die Ereignisse des Jahres 1915 und die gegenseitige Erbitterung wohl begreiflich. Die Kaiserliche Regierung hat deshalb keine Gelegenheit vorübergehen lassen, der türkischen Regierung die Bedeutung der armenischen Frage vor Augen zu führen und hat bestimmte Vorschläge gemacht, wie weiteres Blutvergießen vermieden und auf die Dauer friedliche Zustände hergestellt werden können. Sie hat namentlich dringend geraten, die strengste Manneszucht unter den einrückenden Truppen aufrecht zu erhalten, die armenischen Freischaren zur freiwilligen Unterwerfung aufzufordern, ihnen, wenn sie dieser Aufforderung Folge leisten, Amnestie zu gewähren, bei der beabsichtigten Hilfsaktion für die ostanatolischen Provinzen gleichmäßig die Armenier und Muhammedaner zu berücksichtigen, ferner auch die Zurückführung der nach dem Innern des Reiches Ausgesiedelten, die sich bei den jetzigen Transportschwierigkeiten allerdings nicht durchführen läßt, wenigstens zu beschließen und einzuleiten. Die türkische Regierung hat sich diesen Vorschlägen durchaus zugänglich gezeigt. Nach den bündigen Versicherungen, die der Großwesir, der Minister des Äußern und sein Vertreter Halil Bey gegenüber dem Herrn Reichskanzler, dem Staatssekretär von Kühlmann und dem Kaiserlichen Botschafter abgegeben haben, sind wir zu dem Vertrauen berechtigt, daß die Regierung zur Milde gegen die Armenier entschlossen ist, die unbeteiligte Bevölkerung nicht für die Untaten Einzelner verantwortlich machen und ähnliche Vorgänge, wie sie sich im Jahre 1915 abgespielt haben, zu verhüten wissen wird. Denn es besteht die Gefahr, daß sich in den benachbarten Bezirken von Kars und Ardahan, die nach dem Friedensvertrag von Brest von den Russen zu räumen sind und deren Bevölkerung selbst ihr künftiges Schicksal beschließen soll, zwischen Armeniern und Muhammedanern Kämpfe entspinnen, die, da die Armenier auch hier in der Minderheit sind, zu ihrem Nachteil ausschlagen müssen. Der baldige Erlaß einer Amnestie ist zugesagt worden.
378.
Telegramm.
Bukarest, den 20. März 1918.
Der Staatssekretär an Auswärtiges Amt.
Habe die armenische Frage im Sinne dortiger Anregungen mit Großwesir besprochen. Talaat Pascha meinte, daß er von hier aus wenig machen könne. Sobald er nach Konstantinopel zurückgekehrt sei, werde er die in Aussicht genommene Amnestiekundgebung erlassen. Bitte Graf Bernstorff entsprechend zu verständigen.
Kühlmann.
379.
(Auswärtiges Amt.)
Telegramm.