Neueste Nachrichten aus Kaukasisch-Armenien.

Auszüge aus dem Brief des Präsidenten des Nationalrates Herrn Aharonian vom 11. Juni (n. S.) aus Tiflis.

... Es hat den Anschein, daß Deutschland bezüglich Georgien ernste und entschiedene Engagements hat, die es in edler Weise und mutvoll verwirklicht, während unsere Sache noch in der Schwebe ist. Durch das türkische Eindringen flieht unser Volk zu Hunderttausenden, alles im Stiche lassend. Der Bezirk Achalkalaki ist schon ganz entvölkert; die Stadt ist niedergebrannt und liegt in Trümmern. 80000 Einwohner sind geflüchtet und haben sich in den Schluchten von Bakuriani eingeschlossen. Aus ganz Surmalu, aus allen besetzten Gebieten von Alexandropol und Kars, aus Etschmiadsin und den sonstigen Gegenden, bis wo die Türken vorgedrungen sind, flieht die Bevölkerung in großer Eile und geht zu Zehntausenden zu grunde. Diese Tatsache, daß die Türken aus Stadt und Bezirk Alexandropol die ganze armenische Jugend gesammelt und ins Innere der Türkei verschleppt haben, verbreitet Schrecken, und kein Flüchtling will in die von den Türken besetzten Gebiete zurückgehen. Das armenische Volk geht in den „Krallen“ der Flucht zugrunde, wie es in Türkisch-Armenien zugrunde gegangen ist. Deutschland, das in Türkisch-Armenien dieses furchtbare Verbrechen gegen die Armenier dulden mußte, weil sein Arm nicht hinreichte, wird es dulden wollen, daß nun auch hier im Kaukasus das armenische Volk durch Hunger und Flucht ausgetilgt wird, da Deutschlands Arm hinreicht und Wunder tun kann, wenn es will? Das müssen Sie unseren deutschen Freunden verständlich machen.

Der deutsche Vertreter, Graf von Schulenburg, verhält sich uns gegenüber wohlwollend; doch hat er die erforderlichen Anweisungen aus Berlin noch nicht erhalten, zu unseren Gunsten ebenso zu wirken, wie er zugunsten Georgiens tätig ist.

In der Tat beherrschen die Türken heute ganz Aserbeidschan bis Ciskaukasien. Sie beherrschen selbst die armenischen Gebiete, die nach dem letzten (Friedens-) Vertrag nicht unter die türkische Herrschaft fallen. Die türkischen Truppen halten besetzt: Lori, Kasach, Bortschalu. Aus Eriwan haben wir keine Nachrichten. Wir sind abgeschnitten. Die Eisenbahn und der Telegraph sind außer Betrieb. Es ist eine unerträgliche Lage. Wir konnten selbst die Nachricht von dem Friedensschluß dem General Nazarbekoff nicht mitteilen. Wir sind auch von Baku abgeschnitten. Wir versuchen, eine Regierung unserer armenischen Republik zu bilden; aber es besteht keine Möglichkeit einer Reise nach Eriwan. Unser Volk ist herrenlos, unsere Flucht unendlich, die Sterblichkeit riesengroß. Wir müssen entschieden und sofort wissen: Will Deutschland uns in der Tat beschützen oder nicht?

Auszüge aus der in Tiflis erscheinenden armenischen Zeitung „Horizon“ vom 11. Juni (Nr. 112).

25 Offiziere getötet.

Der Festungsoffizier von Kars, Karapetian, welcher am 4. Juni aus türkischer Gefangenschaft geflohen ist, berichtet folgende erschütternde Geschichte:

„Wir waren 28 Offiziere: 12 russische, 6 georgische und 10 armenische. Wir gerieten in der Station Allahwerdi in türkische Gefangenschaft. Man brachte uns nach Aschagha-Maral, wobei man uns unterwegs die Schuhe auszog. Dann kam ein türkischer Offizier und sagte: Folgt mir zu unserem Pascha, welcher sich in der Nähe in dem Büro von Mantascheff befindet und Euch verhören will.

Als man uns aus dem Eisenbahnwagen herausholte, fragte einer der Askjaris (türkischer Soldat): Habt Ihr die Maschinengewehre gebracht? Der andere hieß ihn drohend schweigen. Wir folgten dem Unteroffizier, umzingelt von Askjaris. Nachdem man uns etwa 3 Werst weiter geführt hatte, wurde der Regimentskommandeur Wladimiroff vorgerufen und seiner Kleider und Barschaft (1500 Rubel) beraubt, ebenso verfuhren sie mit den übrigen Offizieren. Auch mir nahmen sie die Kleider und 3833 Rubel weg. Dann hieß man uns zusammen hinsetzen, während der Unteroffizier die Gewehre zu laden befahl. In einem Halbkreis, 6 Schritt von uns entfernt, legten sich die Askjaris mit geladen Flinten hin. Gerade als der Befehl — Feuer — erteilt werden sollte, flohen wir alle, aber nur drei von uns konnten sich retten: ich und zwei andere, Leutnant des Ephremoffschen Regiments Smirnoff und Militärbeamter Kusma Fomin.