3. Der größte Teil der Tataren wohnt in Baku in einem durch eine 2 km lange hohe Mauer abgeschlossenen Stadtteile. Nichts wäre einfacher gewesen, als die Zugänge zu besetzen. Damit wäre einem großen Teil des Mordgesindels die Möglichkeit zu Ausschreitungen genommen gewesen. Bis zuletzt wurde diese Maßnahme nicht durchgeführt.
4. Von vornherein mußten in Gensche oder Tiflis Plakate vorbereitet werden, die das Standrecht verkündeten und jede Plünderung mit dem Tod bedrohten. Als das Gemetzel unvermindert den dritten Tag anhielt, entschloß man sich endlich zu dieser Maßnahme.
5. Nach der Flucht des Feindes wurde am 15. 9. ein Infanterieregiment zu kaum 1000 Mann, das 56. Infanterieregiment, in die Viertel-Millionenstadt mit ihrer gewaltigen Ausdehnung entsendet. Es bedarf keiner Ausführung, daß diese Besetzung völlig unzureichend war.
6. Der Rest der Truppe wurde nicht etwa zur taktischen Sicherung der Stadt verwendet. Die Truppe lagerte friedensmäßig auf den Höhen, hörte unten in der Stadt die ununterbrochenen Schießereien in den Häusern und hielt am 16. 9. vormittags eine Parade vor dem Pascha zu Ehren des hohen muhammedanischen Festtages, des Kurban-Beiram. Auf meine dringenden Vorstellungen, die ich an Halil Pascha als Mensch und Freund richtete, befahl Nuri, daß noch ein zweites Regiment in die Stadt rücken solle. Ich hielt mich für verpflichtet, sofort aufmerksam zu machen, daß diese Maßnahme nicht ausreichend sei. Nuri erwiderte, er hielte sie für genügend.
7. Als wir im Saale des Hotel Metropol versammelt waren, stürmten von allen Seiten telephonische und persönliche Hilferufe auf uns ein. Die neutralen Konsuln, an ihrer Spitze der dänische, erschienen und beschwerten sich in bitteren Worten über die Untätigkeit der Türken, der es allein zu verdanken sei, daß Gemetzel und Plünderung andauerten.
Naturgemäß wendeten sich alle Deutschen und deutschen Schutzbefohlenen an mich, aber auch die Konsuln und andere Persönlichkeiten baten mich als Deutschen um Vermittlung und Unterstützung. Ich brachte sie zu Nuri Paschas Kenntnis. Vor allem ersuchte ich, da ein amtlicher deutscher Vertreter fehlte, um den Schutz deutschen Lebens und Eigentums. Ich erbat die sofortige Gestellung von Schutzposten vor die deutschen Quartiere.
8. Statt mit allen Mitteln an die Herstellung der Ordnung in der Stadt zu gehen, trieben sich die Paschas, der Stadtkommandant, die gesamten Generalstabsoffiziere müßig in den Sälen des Hotels umher. Wenn Klagen und Bitten an Nuri oder den Stadtkommandanten kamen, so wurden sie mit jener inneren Teilnahmslosigkeit abgefertigt, die sofort erkennen läßt, daß jeder ernste Eifer und Wille fehlt. Ein großes Festmahl schloß sich an, dem sämtliche Generäle und die Stäbe mit dem Stadtkommandanten beiwohnten. Das Kaukasuslied wurde gespielt. Mit unverhohlenem Triumph wurde mir der Inhalt verdeutscht, daß nunmehr die Türkei sich ihr altes Eigentum, den Kaukasus, wieder holen werde. Während und nach der Tafel ging in der Stadt Mord und Plünderung weiter. Die Türken ließen sich dadurch in ihrer Untätigkeit nicht stören.
Ich kann die vielfach offen ausgesprochene Ansicht nicht unerwähnt lassen, daß die türkische Führung den Tataren die Gelegenheit zur Rache an den Armeniern geben wollte.
Zwischen 5 und 6 Uhr nachmittags erschien der dänische Konsul in großer Erregung im Saale des Hotel Metropol, wo sich unentwegt das ganze freie Treiben abspielte, und teilte mir mit, daß erneut deutsche Häuser geplündert und die Bewohner mit Waffen bedroht würden. Ich ging auf Nuri Pascha zu und sagte mit lauter erhobener Stimme ungefähr folgendes: „Exzellenz, ich bitte Sie nun endlich wirksame Maßnahmen zum Schutze der Deutschen zu treffen. Ich bin sonst gezwungen, der Deutschen Botschaft in Konstantinopel zu berichten, wie wenig Sie deutsches Leben und deutsches Eigentum schützen.“ Nuri erwiderte etwas verdutzt, er habe doch alles getan. Ich antwortete, daß dies nicht stimme. Man hätte eine Parade gehalten, während Mord und Plünderung herrschten. Es stünden immer noch 5 Regimenter untätig vor der Stadt, außerdem sitze der Stadtkommandant noch immer untätig im Saale. Von den Führern und Generalstabsoffizieren habe noch keiner das Hotel verlassen, um selbst einzugreifen. Ich bäte ihn nochmals dringend, nun endlich die Sicherheit der Deutschen zu gewährleisten. Ich persönlich würde mich nun mit den 3 deutschen Offizieren in die Stadt begeben, um nach Möglichkeit selbst den Deutschen zu helfen, daraufhin wandte ich mich ab und verließ den Saal.
Die ganze Auseinandersetzung konnte natürlich den im Saale Anwesenden nicht verborgen bleiben. Ich habe mit scharfer Betonung gesprochen, aber kein Wort und keine Geste gebraucht, die im geringsten beleidigend sein könnte. Der Tragweite meines Schrittes war ich mir wohl bewußt. Ich bin der festen Überzeugung, daß ich in der gegebenen Lage nach all dem Vorausgegangenen so handeln mußte, wenn nicht die deutschen und neutralen Vertreter die Anschauung gewinnen sollten, daß der Schutz deutschen Lebens und Eigentums in ungenügender Weise von mir vertreten würde, da höfliches Ersuchen nicht zum Ziele geführt hatte.