Sachlich trug mein Auftreten jedenfalls Früchte. Der Stadtkommandant wurde sofort seiner Stelle enthoben. Nasim Bey wurde zum Stadtkommandanten ernannt und richtete sich nun eine Arbeitsstätte in einem anderen Hotel ein. Offiziere wurden mit Autos in die Stadt entsandt. Neue Truppen wurden in die Stadt gezogen. In diesen Maßnahmen dürfte das beste Eingeständnis der bisherigen Unterlassungen liegen.
Ich hatte an einige deutsche Häuser türkische Posten aufgestellt und war auf Ersuchen einer deutschen Familie mit Major Mayr zu einem jungen armenischen Rechtsgelehrten gefahren, der von den Tataren mit dem Tode bedroht wurde. Ich stellte vor das Haus ebenfalls einen Posten und nahm den Mann mit in das Hotel. Es war Nacht geworden. Als wir heimfuhren, krachten von allen Seiten die Schüsse. Das Feuer wurde immer lebhafter. Es klang, als ob in der Stadt ein erbitterter Kampf ausgefochten würde. Nuri Pascha meinte, es sei Festschießen zu Ehren des Kurban-Beiram. Auf jeden Fall war das Schießen ein willkommener Deckmantel für die Fortsetzung des Gemetzels.
Am nächsten Morgen, 17. 9., ging die Plünderung ruhig weiter. Nun wurde vor unserem Hotel ein Plünderer aufgehängt. Die Türken erzählten uns, auch andere Hinrichtungen würden jetzt vollzogen, um die Plünderer abzuschrecken. Als ich am 17. 9. abends Baku verließ, war in der Nähe des Bahnhofs noch eine lebhafte Schießerei. Die Ordnung war in der Stadt noch nicht hergestellt.
Die Ausschreitungen spielten sich meist im Innern der Häuser ab. Daher lagen auf den Straßen verhältnismäßig wenig Leichen. Sie waren meistens in Winkeln zusammengetragen, so daß man oft erst durch den Geruch aufmerksam wurde. An einer Stelle sah ich sieben Leichen, meist nackt, übereinander liegen, darunter mehrere Kinder und eine Wöchnerin. Die Leichen waren nahezu alle mit blutunterlaufenen Stellen, die von Kolbenschlägen herrührten und mit Stichen bedeckt. Aus Kellern schlug Leichengeruch entgegen. Ich muß betonen, daß ich nur wenig Zeit hatte, den Spuren des Gemetzels nachzugehen, da ich von allen Seiten um Hilfe bestürmt wurde. Doch schon auf meinen kurzen Gängen traf ich auf diese handgreiflichen Beweise der Metzeleien. Der Eindruck der Plünderung ganzer Straßenzeilen vom Keller bis unter das Dach drängte sich ohne weiteres beim Passieren der Straßen auf. Als ein türkischer Major am 17. abends von einem Rundgang zurückkam, sagte er unaufgefordert zu mir: „Sie haben recht. In der Stadt ist es schrecklich zugegangen. Man kann es nicht leugnen.“ Vor anderen Zeugen erzählte mir ein Deutscher, er sei mit dem Adjutanten Nuri Paschas in ein Haus gekommen, in dem 13 Grusinier ohne Unterschied des Geschlechts und Alters ermordet lagen. Als er darauf hinwies, daß es sich um Grusinier, also deutsche Schutzbefohlene handle, erhielt er die Antwort: „Man hat sie eben für Armenier gehalten.“
Der dänische Konsul bemühte sich, die Erschießung der beiden Deutschen aufzuklären. In ihrem Hause hatten sich armenische Soldaten verteidigt, die bei der Annäherung der Türken flohen. Obwohl beide ohne Waffen waren, und sich als Deutsche bezeichneten, wurde sie ohne weitere Prüfung des Sachverhaltes an die Wand gestellt und erschossen.
Aus der Fülle der tragischen Erlebnisse und erschütternden Eindrücke möchte ich ein Vorkommnis herausgreifen. Eine deutsche Dame mit drei Töchtern teilte mir mit, daß ihr Schwiegersohn — ein Armenier — getötet worden und ihre Tochter — eine Deutsche — mit zwei Kindern weggeschleppt worden sei. Da ich hoffte, sie befänden sich vielleicht in einem der Schutzlager, in die die Armenier seit dem 17. vormittags mit Kolbenstößen und Peitschenhieben zusammengetrieben und wie Viehherden zusammengepfercht wurden, so ging ich mit ihr von Lager zu Lager. Die Verlorene war nirgends zu finden. Alles hofft auf Deutschlands Hilfe. Vom Auftreten der Türken hat man genug.
Ich halte es für dringend nötig, schon zum Schutze der riesigen wirtschaftlichen Interessen, daß deutsches Militär und deutsche Sachverständige nach Baku kommen.
Den türkischen Versuchen gegenüber, die schweren Verfehlungen und widerlichen Vorgänge in Baku als harmlos und als im Zusammenhang mit der Erstürmung der Stadt hinzustellen, möchte ich nochmals be tonen, daß das Gemetzel schon vor Wochen angekündigt und ohne jeden Zusammenhang mit taktischen Vorgängen durchgeführt wurde. Auch der Einwurf, man habe die Truppen nicht in die Stadt gelassen, da man ihrer nicht sicher gewesen sei, ist nicht stichhaltig. Allerdings durfte man nicht, wie es vielfach geschah, die Soldaten in kleineren Patrouillen durch die Stadt schicken. Wo dies geschah, beteiligte sich die türkische Soldateska lebhaft am Plündern und Schänden. Hätte man sie bataillonsweise auf den großen Plätzen aufgestellt und von dort Züge unter Offizieren entsendet, so hätte sich Ordnung schaffen lassen und die Truppe wäre in der Hand behalten worden.
Aus der Fülle von Zeugen, die weit besser wie ich über die schweren Ausschreitungen berichten können, möchte ich den dänischen, schwedischen und persischen Konsul, einen Herrn Dassel neben zahlreichen Deutschen, deren Namen mir entfallen, dann Major Hartmann, Major Mayr, Oberstabsarzt Brokelmann, Leutnant Uttermarck des bayerischen Jägerregiments Nr. 15 nennen. Der russische General Ali Pascha erzählte mir, daß sogar seinen beiden alten Schwestern 600 Rubel in der Wohnung abgepreßt wurden, da man ihnen vorhielt, sie seien Christinnen, obwohl sie den Koran vorzeigten. Ich würde es für richtig halten, daß in Baku eine deutsche Kommission gebildet wird, bei der alle Ausschreitungen gegen Deutsche und deutsche Schutzbefohlene angemeldet werden.
Ab ich am 17.9. abends mich von Nuri Pascha verabschiedete, reichte er mir die Hand. Obwohl es bekannt war, daß bei Baladschari ein Zusammenstoß zweier Züge erfolgt war und die Strecke gesperrt sei, fuhren wir los. Vielleicht käme man doch durch. Die Folge war, daß wir fast 24 Stunden vor Baladschari liegen blieben. Die Station Kyschli war ebenfalls geplündert. In der Gegend im Nordosten Bakus zeigten sich Reitergruppen, zahlreiche Schüsse fielen, Staubwolken tauchten auf. Was wirklich vorging, war nicht zu erkennen.