II. Vom Beschluß der allgemeinen Deportation 20/24. April 1915 bis zu ihrem vorläufigen Abschluß Dezember 1915.

III. Vom Einsetzen der systematischen Islamisierung der Reste des armenischen Volkes Dezember 1915 bis zu den Ausgängen ihrer Vernichtung Oktober 1918.

IV. Kaukasischer Schauplatz: Vom Frieden von Brest-Litowsk 3. März 1918 bis zur Einnahme von Baku 15/17. September 1918.

I. Das Vorspiel.

1.
Cilicien.

Die cilicischen Ereignisse nahmen ihren Ausgang von Zeitun, einem Bergnest in den Hochtälern des Taurus, das in der Luftlinie 120 Kilometer von der Küste entfernt liegt. Die Armenier von Zeitun und den umliegenden Dörfern erfreuten sich noch bis in die 70er Jahre einer Unabhängigkeit gleich der der tributpflichtigen seßhaften Kurden. Zur Zeit der Abdul Hamidschen Armeniermassakers 1895/96, denen 80–100000 Armenier zum Opfer fielen, hatte sich Zeitun in Verteidigungszustand gesetzt und durch die Intervention der Mächte Amnestie erlangt. Wer fremde Intervention anrief, galt als Reichsfeind. Die erste Gelegenheit, die sich nach Ausbruch des Krieges bot, wurde benützt, um gegen das mißliebige Zeitun vorzugehen. Schon vor dem Kriege, im Jahre 1913, hatte sich in der Nachbarschaft von Zeitun auf dem Bergkegel Ala Kaia eine Räuberbande eingenistet, die sich nach der allgemeinen Aushebung durch christliche und muhammedanische einem harten Dienst entflohene Deserteure verstärkte. Die Bürgerschaft von Zeitun war unschuldig an ihrem Treiben und wünschte nichts mehr, als daß sie eingefangen würden, weil ihre Widersetzlichkeit den Behörden einen Vorwand zum Einschreiten gegen die Stadt geben konnte. Ein Zusammenstoß von Gendarmen mit Deserteuren gab das Signal zu dem gefürchteten Vorgehen. Eine ansehnliche Truppenmacht von 4000 Mann rückte vor Zeitun, angeblich um dem Räuberwesen ein Ende zu machen. Die 150 Deserteure verschanzten sich in einem Kloster abseits von der Stadt. Das Kloster wird beschossen. Bei dem Angriff hatten die Türken 7 bis 8, die Deserteure 26 bis 30 Tote. Die übrigen ließ man in der Nacht entkommen, um die Stadt haftbar machen zu können. Dies geschah am 25. März 1915 im fünften Monat des Krieges. Am nächsten Tage begann man nach Verhaftung von 30 Notabeln mit dem Abtransport sämtlicher armenischer Bewohner von Zeitun und Umgegend, Männern, Frauen und Kindern, 10 bis 20000 Seelen. Ein Teil wurde in die Sumpfdistrikte des Wilajets Konia, ein Teil in die arabische Wüste nach Der es Zor am Euphrat verschickt. Ohne Verhör und Urteilsspruch. Es war eine Maßnahme der inneren Politik, die mit Kriegsnotwendigkeiten nichts zu tun hatte.

Ein zweiter, der Regierung mißliebiger Platz war das Dorf Dörtjol an der cilicischen Küste, unweit dem alten Issus. Die Einwohner von Dörtjol hatten sich während des cilicischen Massakers von 1909, dem 20000 Armenier zum Opfer fielen, mit Erfolg verteidigt. Auch den Bewohnern des weiter südlich gelegenen Dorfes Suedije am Djebel Musa war es damals gelungen, dem Massaker zu entrinnen. Unaufgeklärte, unbedeutende Spionageaffären gaben den Anlaß, gegen Dörtjol vorzugehen. Die Männer von Dörtjol wurden nach Aleppo abtransportiert und zum Straßenbau gepreßt. Suedije und seine Nachbardörfer sollten am 30. Juli in die arabische Wüste deportiert werden. Seine Bewohner flüchteten auf den Djebel Musa. Nach mehrwöchentlicher Belagerung durch türkische Truppen gelang es ihnen, von den steil ins Meer abfallenden Bergabhängen sich mit einem französischen Kreuzer in Verbindung zu setzen, der mit dem herbeigerufenen Flaggschiff „Jeanne d’Arc“ und anderen Kriegsschiffen die Flüchtlinge, Männer, Frauen und Kinder in Zahl von 4058 Seelen, nach Alexandrien verschiffte (Anhang Nr. 1 ).

Andere Vorfälle, die Grund zu einer allgemeinen Deportation der armenischen Bevölkerung von Cilicien (ca. 80000 Seelen) hätten geben können, haben sich im Küstengebiet nicht ereignet.

Die Vorgänge von Zeitun, Dörtjol und Suedije wurden der Botschaft von den Konsulaten zu ihrer Zeit gemeldet. Die Pforte hatte sich wegen ihres Vorgehens in Cilicien mit der Botschaft nicht in Verbindung gesetzt. Als die Botschaft aus Anlaß der immer weiter greifenden Verschickung ganzer Distrikte mehrfach intervenierte, machte die Pforte geltend, daß es sich um militärische Interessen und innere Angelegenheiten der Türkei handle, die die Botschaft nichts angingen. Massaker waren auf cilicischem Boden nicht vorgekommen, nur Aussiedelungen. Als die Armenier der Stadt Marasch (gegen 60000 Seelen, wovon 24000 Christen), durch die Zeituner Vorgänge und die Erregung der Muhammedaner beunruhigt, ein Massaker befürchteten, begab sich Konsul Rößler aus Aleppo dorthin. Der Schutz deutscher Anstalten in Marasch (Hospital und Waisenhaus) berechtigte ihn dazu. Sein Besuch wirkte beruhigend. Auch die amerikanische Mission, die in Marasch ein Kollege hatte, war dafür dankbar. Die gegen Konsul Rößler ausgestreuten Verleumdungen der englischen Presse, Konsul Rößler habe bei seinem Besuch (in Aintab?) persönlich Massaker dirigiert und zu Greueltaten aufgemuntert — Verleumdungen, die auch im englischen Oberhaus zur Sprache kamen —, sind durch die Zeugnisse amerikanischer Missionare widerlegt[2]. Die zahlreichen Konsularberichte von Herrn Rößler erbringen den Beweis, mit welch unermüdlicher Hingabe und Zähigkeit er während der ganzen Kriegszeit für die Armenier seines Konsularbezirks und die durchflutenden Massen der Deportierten eingetreten ist. Solange Djelal Bey in Aleppo war, erfreute sich Konsul Rößler der Zustimmung dieses gerechten und menschenfreundlichen Walis, der in seinem Wilajet weder Deportationen noch Massaker duldete. Doch schon am 21. Juni 1915 wurde Djelal Bey seines Amtes enthoben, weil er sich den Befehlen von Konstantinopel nicht fügen wollte. Auch der Oberkommandierende der 4. Armee, Djemal Pascha, zu dessen Befehlsbereich Cilicien und Aleppo gehörten, mißbilligte die armenische Politik der Regierung. Durch wiederholte Erlasse hat er wenigstens erreicht, daß in seinem Befehlsbereich Massaker nicht vorgekommen sind. Den von der Zentralregierung befohlenen Deportationen und der Islamisierung der Reste des armenischen Volkes hat auch er sich nicht widersetzt.

2.
Ostanatolien.