Ich halte es für angezeigt, diesen telegraphischen Berichten folgendes hinzuzufügen:

Der äußere Anlaß zu den Unruhen in Wan ist, wie ich bereits berichtete, die Verhaftung und Ermordung einiger armenischer Notabeln, insbesondere Ischkhans und des armenischen Deputierten von Wan, Wramian gewesen, die sich unter den Armeniern eines großen Ansehens erfreuten.

Ob dieses Vorkommnis im Einverständnis mit den dortigen Behörden geschehen ist, lasse ich dahingestellt. Jedenfalls mußte sich aber die Regierung darüber klar gewesen sein, daß dadurch der letzte Anstoß gegeben wurde, die schon seit langem, besonders aber seit Kriegsausbruch gärende Erregung, die nur noch von den Führern niedergehalten werden konnte, zum Ausbruch zu bringen.

Nicht nur in Wan und dessen Umgebung, also den Grenzgebieten gegen Rußland, und den hiesigen, durch Requisitionen und Truppenansammlungen besonders in Mitleidenschaft gezogenen armenischen Gebieten, sondern auch in den mehr im Innern gelegenen armenischen Orten machte sich eine starke Unzufriedenheit bemerkbar. An vielen Stellen waren seit langem Waffen angesammelt worden, anfänglich wohl nur zu Zwecken der Selbstverteidigung bei einem eventuellen Massakre, später wohl auch für einen bewaffneten Aufstand.

Daß von türkischer Seite in der Behandlung der Armenierfrage andauernd Fehler gemacht worden sind, ist Euerer Exzellenz ja zur Genüge bekannt, desgleichen, daß diese Fehler von russischer Seite schon lange vor dem Krieg zu einer planmäßigen Verhetzung ausgenutzt wurden.

Besonders Wan und das dortige russische Konsulat war von jeher ein Brennpunkt russischer Wühlarbeit, die um so ungestörter ins Werk gesetzt werden konnte, als eine ein Gegengewicht bildende deutsche Vertretung dort nicht vorhanden war. Das junge Konsulat von Erzerum konnte, schon infolge der Entfernung, seinen Einfluß nicht in genügendem Maße dorthin erstrecken; eine Einflußnahme in der jetzigen Zeit, die hier die vollste Aufmerksamkeit erfordert, erscheint ausgeschlossen. Zurzeit ist zudem auch die Verbindung mit Wan unterbrochen.

Während die hiesigen armenischen Kreise infolge der besseren Postverbindung und der Tätigkeit des hiesigen Konsulats (Nachrichtenhalle, Lesesaal, Zeitungsartikel, Anschläge über die Kriegslage) über die allgemeine Weltlage und die Mißerfolge der Russen auf den europäischen Kriegsschauplätzen orientiert sind, dürfte diese Orientierung in Wan gefehlt haben. Die dortigen Armenier, die sich den türkischen Veröffentlichungen gegenüber naturgemäß mißtrauisch verhalten, schöpfen ihre sonstigen Nachrichten nur aus russischen, keineswegs ungetrübten Quellen, und erhalten somit, wie so manches andere Volk der Welt, ein völlig falsches Bild der Lage in Europa. Ein Grund mehr, die schon früher vorhandene Zuneigung zu Rußland in einem Aufstand kund zu tun.

Wie Euerer Exzellenz bekannt, sahen die Armenier der Türkei seit jeher in Rußland ihren natürlichen Beschützer, und hat Rußland ja auch stets dieses Schutzrecht für sich in Anspruch genommen und ausgenutzt. Die Tatsache, daß sich die russischen Armenier, abgesehen von der größeren Sicherheit ihres Lebens, auch in besseren wirtschaftlichen Verhältnissen befinden, übt auf die große Masse gleichfalls eine bedeutende Anziehungskraft aus. Demgegenüber blieb die Erwägung, daß eine stärkere Einflußnahme Rußlands die Gefahr der Entnationalisierung mit sich bringen müßte, nur auf die geistigen Führer der Armenier beschränkt. Auch unter den letzteren haben sich zwei Richtungen gebildet: die eine stellt die Bewahrung nationaler Eigenart, die nur in der Türkei möglich, in den Vordergrund, die andere wirtschaftliche Interessen und religiöse Gemeinschaft.

Der deutsche Einfluß war bisher unter den Armeniern gering. Von Deutschland und den Deutschen wußten nur wenige gebildete Armenier. Soweit mir bekannt, machen hierin nur die ehemaligen Zöglinge der Sanassarian-Schule — die vor einigen Jahren nach Siwas verlegt wurde, in Befürchtung einer Besitzergreifung von Erzerum durch Rußland! — eine Ausnahme. Und das auch nur soweit, als sie ihre Hochschulstudien in Deutschland betrieben. Der größere Teil der armenischen gebildeten Jugend erhielt seine Ausbildung in französischen Schulen und später in Frankreich und Rußland. Unter dem Volk bestanden bei Ausbruch des Krieges sogar Zweifel darüber, ob die Deutschen Christen seien, da sie sich mit den Türken verbündet hätten. Die Tatsache, daß Deutschland schon Freund der absolutistischen Türkei war, unter deren Herrschaft die Armenier so viel gelitten, erfüllt sie noch jetzt mit Mißtrauen. Die Schuld am Kriege wird gleichfalls dem Einfluß Deutschlands beigemessen, und die durch denselben hervorgerufenen wirtschaftlichen Schäden werden von dem auf Wahrung und Mehrung seines Besitzes stark bedachten Volk besonders unangenehm empfunden.

Die allgemeine Stimmung der Armenier den Deutschen gegenüber war somit bei Ausbruch des Krieges wenig freundschaftlich, hat sich aber im Laufe der letzten Monate sichtlich geändert. Dazu mag der deutsche Waffenerfolg auf allen Schlachtfeldern und die Anwesenheit deutscher Offiziere in Erzerum ein Teil beigetragen haben. Besonders jedoch machte sich dieser Umschwung bemerkbar, als die hiesigen Armenier gewiß zu sein glaubten, daß — es war etwa Mitte März — der Ausbruch eines Massakres nur durch die Anwesenheit und Tätigkeit des hiesigen Konsulats verhindert worden sei. Der armenische Bischof sprach denn auch wiederholt General Posseldt und mir seinen Dank für den Schutz der Armenier aus.