Zur hiesigen Lage, wie sie sich zurzeit darbietet, bemerke ich, daß ein Aufstand der Armenier Erzerums und seiner näheren Umgebung nicht anzunehmen ist, trotz der geringen hier vorhandenen türkischen Streitkräfte. Die weiter zur russischen Grenze hin gelegenen armenischen Ortschaften sind von ihren Bewohnern längst verlassen; letztere sind teils nach Rußland geflohen, wo sie in den Reihen der russischen Truppen — wie auch bei Wan — gegen die Türken kämpfen sollen, teils kamen sie nach Erzerum. Einzelne Vorkommnisse, wie bewaffneter Widerstand bei Requisitionen in entlegenen Dörfern, Ermordung von Türken, die die Auslieferung armenischer Mädchen und Frauen verlangten, Zerschneiden und Störung von Telegraphen- und Telephonlinien, Spionage, sind Erscheinungen, die während des Krieges in einem Grenzgebiet mit gemischter Bevölkerung nichts Außergewöhnliches darstellen.

Die ruhige Haltung der hiesigen Armenier ist meiner Meinung nach bedingt durch

1. die schon erwähnte bessere Orientierung über die allgemeine Weltlage, die sie auf einen „raschen Sieg“ der Russen nicht mehr hoffen läßt;

2. die vernünftige Stellungnahme der hiesigen Regierung, welche krasse Fälle von Bedrückungen bis jetzt vermieden hat.

Außer der Ermordung des Pasdirmadjan, Direktors der Banque Ottomane, im Februar, sind Fälle von politischen Morden hier nicht vorgekommen. Der Wali Tahsin Bey hat aus seiner früheren Tätigkeit in Wan in der Behandlung der Armenierfrage große Erfahrungen und vertritt, im Gegensatz zu einigen militärischen Kreisen, die den Augenblick der Abrechnung mit den Armeniern für gekommen halten, einen maßvollen Standpunkt. Die Maßregeln der Regierung haben sich bis jetzt auch nur auf Haussuchungen und Verhaftungen beschränkt. Von den Verhafteten ist die Mehrzahl wieder freigelassen worden, einige sollen ins Innere des Landes verschickt werden. Die Haussuchungen haben, soweit mir bekannt, belastendes Material nicht ergeben. Diese Haltung der Regierung trägt viel zur Beruhigung der Armenier bei. Auch der Ausbruch eines Massakres ist hier kaum anzunehmen, es sei denn, daß Mißerfolge an der Front die türkischen Truppen zu einem Rückzuge nach Erzerum nötigen würden. Ich habe nicht versäumt, dem Gedanken einer „Abrechnung“ überall energisch entgegenzutreten und auf die üblen Folgen innerer Unruhen in der Türkei in der jetzigen Zeit hinzuweisen.

Die Anwesenheit und Tätigkeit des Konsulats, verbunden mit dem guten Nachrichtendienst desselben, dürfte somit nicht wenig zu der bisherigen ruhigen Haltung der hiesigen Türken und Armenier beigetragen haben.

von Scheubner-Richter.

Seiner Exzellenz dem Herrn Botschafter
Freiherrn von Wangenheim, Konstantinopel.

52.

(Kaiserliches
Konsulat Erzerum.)