»Henriette ist krank; ihr tief erschüttertes Nervenleben drängt ihr Denken und Empfinden aus der natürlichen Bahn. Sie aber sind gesund an Leib und Seele.«

»Ja, gewiß, aber es gibt Dinge, für die man in seiner Jugend und Unkenntnis keinen Maßstab, kein eigenes Urteil hat —«

»Für die Liebe, zum Beispiel,« fiel er ein, und ein rascher, scheuer Seitenblick streifte das Mädchen.

»Ja,« bestätigte sie einfach.

Er senkte den Kopf und stieß, in tiefes Nachdenken verloren, mechanisch mit der Stockspitze gegen einen mächtigen Würfel aus Sandstein, welcher, der Hausthür gegenüber, mitten im Rasengrunde lag. Früher war er für die kleine Käthe ein wunderlicher, aber hübscher Tisch gewesen, lediglich zu dem Zwecke hingestellt, daß Kinderhände gefallenes Obst, Blumen und gesammelte Steinchen darauf legen sollten. Jetzt erkannte sie in ihm das ehemalige Postament einer Statue; noch sah man den Trümmerrest eines kleinen Fußes mit zarten Zehen auf der grünmoosigen oberen Fläche.

Käthe strich mit ihrer schlanken Hand schmeichelnd über die zierliche Form. »Das ist eine Nymphe oder Muse gewesen,« sagte sie. »Das schlanke Geschöpfchen hat schwebend, mit gehobenem Arm auf der einen Fußspitze gestanden; ich kann mir die ganze Gestalt auf der einen hochgeschwungenen Linie des Füßchens aufbauen. Vielleicht war ihr schöner Kopf seitwärts der Brücke zugewendet, und sie hat auch den Reiter über die Brücke kommen sehen, und dann die stolze Schloßfrau in der bunten Brokatschleppe —« Sie verstummte unwillkürlich und sah ihm in das Gesicht; er war offenbar weit fort mit seinen Gedanken; er hörte nicht, was sie sagte, und das, was ihn beschäftigte, war sicher sehr deprimierend; zum erstenmal sah sie in diesem edelschönen, ruhig beherrschten Antlitz einen ausgesprochen gramvollen Zug. Flora! Sie war der Fluch dieses Mannes; er ging an seiner Leidenschaft für sie zu Grunde.

Das plötzliche Schweigen des jungen Mädchens machte ihn aufblicken. »Ach ja,« sagte er, sich sichtlich zusammennehmend, »die wirtschaftlichen Leute, die lange Zeit hier gehaust, haben sich das Vergnügen gemacht, die Statuen herabzustürzen. Der ganze Garten muß mit diesen Sandsteinfiguren bevölkert gewesen sein; rings im Gebüsche finden sich noch viele Postamente. Ich werde dem Grundstücke seine ehemalige Gestalt zurückzugeben suchen. Man sieht, trotz der Verwilderung, noch deutlich den Plan, der dem Garten zu Grunde gelegen hat.«

»Dann wird es sehr hübsch und sehr vornehm hier werden, aber der Blick ins Grüne, in diese köstliche, verwachsene Wildnis geht verloren; Ihr Arbeitszimmer —«

»Mein Arbeitszimmer wird vom nächsten Oktober an eine liebe Freundin meiner Tante bewohnen,« unterbrach er sie gelassen. »Ich siedele im Herbst nach L.....g über.«

Sie sah ihn bestürzt an und faltete unwillkürlich die Hände. »Nach L.....g?« wiederholte sie. »Mein Gott, Sie wollen sich von ihr trennen? Und was sagt sie dazu?«