»Flora? Sie geht selbstverständlich mit mir,« sagte er eiskalt, aber in seinen Augen lohte es auf wie ein schmerzlicher Zorn. »Glauben Sie, ich werde Ihre Schwester hier zurücklassen? Sie dürfen ruhig sein.« Wie schneidend seine Stimme klang!
Käthe hatte von der Tante gesprochen, allein sie war nicht fähig, das Mißverständnis zu berichtigen; so betroffen machte sie seine Antwort — er schien seiner Sache so gewiß. »Sie waren eben in der Villa?« fragte sie schüchtern und doch fieberhaft gespannt.
»Nein, ich war nicht in der Villa,« betonte er — klang es doch, als persifliere er sie, der feinfühlende Mann, der sonst nie seine Zunge zu einer Geißel des Spottes machte. »Ich bin überhaupt heute noch nicht so glücklich gewesen, jemand von drüben zu sehen. Moritz hätte ich gern begrüßt, aber die Herren, die sich eben von ihm verabschiedeten, als ich an der Villa vorüberging, kamen so laut und heiter vom Frühstückstisch, daß ich es vorzog, unerkannt zu passieren.«
Er hatte demnach Flora heute noch nicht gesprochen, und dennoch diese Zuversicht! Es war zum Verzweifeln! Käthe wünschte sich weit weg aus diesem Dilemma — sie kam sich vor wie des Priamos unglückselige Tochter, die einzige Wissende unter den Verblendeten. Es war gut, daß in diesem Augenblicke die gezüchtigte Henne abermals unvorsichtig auf ihren erbitterten Feind losspazierte. Käthe fand dadurch einen Vorwand, das Gespräch abzubrechen; sie scheuchte das Tier über den Rasen hin in den Schuppen zurück, schloß die Thür und schob den Riegel vor.
16.
Als sie sich wieder umdrehte, sah sie den Doktor noch neben dem Postamente stehen, aber sein Gesicht war in starrem Hinüberblicken der Brücke zugewendet. Er war blaß geworden. Sein Profil mit den hartgeschlossenen Lippen unter dem Barte erinnerte sie an jenen Moment in der Schloßmühlenstube, wo sie ihn nach der Todesart ihres Großvaters gefragt hatte; er rang mit einer heftigen inneren Bewegung. Unwillkürlich folgte sie der Richtung seines Blickes, und wenn dort der Schatten der ertrunkenen Edelfrau über den Fluß hingeschwebt wäre, sie hätte nicht entsetzter aufschrecken können, als beim Anblicke der schönen Schwester, die so graziös, so vollkommen unbefangen über den Holzbogen daherkam, als sei sie gestern abend mit einem »fröhlichen Wiedersehen« auf den Lippen von hier weggegangen. War es möglich? Sie glitt schlangenhaft leicht über die Stelle, auf der sie sich für frei und auf immer getrennt von dem mißachteten Manne erklärt hatte; nur Stunden waren vergangen, seit sie seinem Heim, seinem Grund und Boden mit den härtesten Ausdrücken der Verachtung für alle Zeiten den Rücken gewendet, und jetzt kehrte sie das schöne, lächelnde Gesicht der »spukhaften Spelunke« wieder zu; ihre Füße betraten flink und zuversichtlich den Rasengrund; keine Welle zischte empor, kein Lüftchen regte sich, um ihr von Schuld, Willkür und beispiellosem Wankelmut vorzuflüstern, und der Sonnenschein umschmeichelte und vergoldete die feingliedrige Gestalt, als sei sie ihm das liebste Erdenkind.
Sie war dunkel gekleidet. Schwarze reiche Spitzenkanten lagen auf den blonden Locken; sie umwogten den schneeweißen Hals und fielen in langen Enden tief über die Schultern hinab, wie die gesenkten dunkeln Flügel eines Engels der Nacht. Hinter ihr ging der Kommerzienrat; er sah sehr animiert aus; er führte die Präsidentin so respektvoll am Arme, daß sich Käthe alles Ernstes besann, ob sie von seinem höhnischen Blicke am heutigen Morgen und den Auslassungen über »die alte Katze mit den Samtpfötchen« nicht etwa nur geträumt habe.