Der Doktor ging jetzt langsam den Kommenden entgegen, während Käthe starr, wie festgewurzelt, am Schuppen stehen blieb und unbewußt den vorgeschobenen Riegel umklammert hielt. Sie sah, wie man sich gegenseitig begrüßte, genau wie sonst auch. Nichts Außergewöhnliches war geschehen, kein böses Wort gefallen. Der Kommerzienrat umarmte beglückwünschend den Doktor; die Frau Präsidentin zeigte gütig und verbindlich lächelnd ihre weißen Zahnspitzen — und Flora? Ihre Wangen erschienen allerdings momentan wie in eine lebhafte Rosenglut getaucht, und der sonst so selbstbewußte Blick irrte vom Antlitze des Doktors weg auf den Rasen nieder, aber sie streckte in gewohnter biderber Weise die Hand aus, und die Fingerspitzen wurden erfaßt, wenn auch nicht festgehalten, ganz wie neulich bei Käthes Ankunft, und als sich Doktor Bruck umwandte, da waren seine Züge geradezu steinern ruhig.

Schon beim Betreten des Gartens hatte Flora die junge Schwester mit einem spöttischen Kopfschütteln vom Scheitel bis zu den Fußspitzen rasch gemustert und dann eine offenbar boshaft witzige Bemerkung über die Schulter zurück dem Kommerzienrat hingeworfen, jetzt aber, als sie näher getreten war, sah Käthe, daß auch etwas wie unterdrückter Aerger, ja eine Art von Feindseligkeit in ihren blinzelnden Augen aufglomm.

»Nun, Käthe? Hast dich ja schon recht hübsch hier eingenistet,« rief sie ihr zu. »Thust ja wirklich, als seiest du zu Hause und trügst den Schlüsselbund zu allen Thüren und Kästen am Gürtel.«

Das junge Mädchen antwortete nicht. Sie ließ die Hand vom Riegel gleiten und wandte das Gesicht mit den strenggeschlossenen Lippen langsam der Schwester zu. Ob die Uebermütige dort nicht erschrak, ob sie sich nicht schämte vor dem Laute der eigenen Stimme, hier auf dieser Stelle? »Mich sieht dieses Haus nie wieder,« hatte sie gestern gerufen, und jetzt stand sie bereits auf der ersten Thürstufe, um einzutreten, um zurückzukehren in »die bedrückend armselige Umgebung«.

»Nimmst du Floras Scherz übel, mein Liebling?« fragte der Kommerzienrat, rasch zu Käthe tretend. Er legte ihren Arm in den seinen. »Du kannst dir das getrost gefallen lassen, bist du doch auch ein reizendes Hausmütterchen. Du sahst zum Malen hübsch aus unter dem bunten Hühnervolke. Warte nur, du sollst einen Geflügelhof bekommen, wie er sich prächtiger nicht denken läßt.«

Die Präsidentin, die eben majestätisch die Steinstufen hinaufstieg, hielt einen Moment inne, als versage ihr der Atem — sie drehte den leicht nervös zitternden Kopf verächtlich nach dem zärtlichen Vormunde zurück, dann beschleunigte sie ihre Schritte. »Hirnloser Schwätzer! Er ist und bleibt sein Leben lang der abgeschmackte Commis Voyageur!« murmelte sie erbittert Flora zu, die schnell das Taschentuch vor den Mund hielt, um nicht in ein lautes Gelächter auszubrechen.

Käthe ließ wie unbewußt ihre Hand auf dem Arme ihres Schwagers liegen. Sie hörte kaum, was er sagte; sie bemerkte auch nicht die seltsame Ueberraschung, mit welcher Doktor Bruck, stumm und starr wie eine Bildsäule, das Paar an sich vorüberschreiten ließ; sie sah nur, daß Flora an der schmalen Hand, die sie eben mit dem Taschentuch zum Munde führte, einen schwarzen Halbhandschuh trug; das feine durchbrochene Seidengewebe harmonierte mit den Spitzen, die über die ganze Gestalt gleichsam hinrieselten; dies machte die weiße Haut wie Elfenbein aufleuchten und ließ die Finger schlank hervortreten. Die zwei kleinen Brillantringe funkelten nicht mehr am Ringfinger, »der einfache Goldreifen, der grob wie Eisen drückte«, blinkte matt über dem Handschuh. Unmöglich! Dort rauschten ja die Wellen über ihn hin. Käthe hatte plötzlich die Empfindung, als sei sie der natürlichen Ordnung entrückt, als dürfe sie ihren gesunden Augen und Ohren nicht mehr trauen.

»Nun?« fragte die Präsidentin erstaunt in der Hausflur stehen bleibend; sie zeigte pikiert mit finster zusammengezogenen Brauen auf das umherstehende Gerät aus der Villa.

»Henriette hatte die Entfernung der Möbel so lebhaft gewünscht, daß ich nachgeben mußte,« sagte Doktor Bruck mit tonloser Stimme kalt und gleichmütig.