»Sie hat auch vollkommen recht. Es war eine wunderliche Idee — nimm mir's nicht übel, Großmama! — das Krankenzimmer dermaßen vollzustopfen,« warf Flora achselzuckend hin. »Das arme Ding leidet ohnehin schwer an Brustbeklemmung; es mag ihr zu Mute gewesen sein, als sollte sie mit all dem dicken Polsterzeug erstickt werden.«
Die Großmama hatte eine herbe, schneidende Antwort auf den Lippen, das sah man; allein sie schwieg in Rücksicht auf den Doktor und die in der Küchenthür stehende Magd und rauschte nach dem Krankenzimmer. Beim Eintreten fuhr sie ein wenig zurück — Henriette hatte sich weit aus dem Bette geneigt. Sie sah so erschüttert aus und ihre weitgeöffneten, glänzenden Augen hingen mit einem so verzehrenden Ausdruck an der sich öffnenden Thür, daß die Präsidentin befürchtete, mitten in einen Fieberparoxysmus zu kommen. Sie beruhigte sich indes sofort, als die Kranke sie in der gewohnten kühlen Weise begrüßte; sie sah auch, daß der Blick voll unaussprechlicher Spannung Flora galt, welche unmittelbar nach ihr auf die Schwelle getreten war.
Die schöne Schwester ging direkt auf die Tante Diakonus zu, die sich beim Eintreten der Damen erhoben hatte, und reichte ihr so zuvorkommend die Hand, als wolle sie den Händedruck nachholen, den sie gestern abend vergessen hatte; dann wandte sie sich nach dem Bette. »Nun, Schatz,« sagte sie zu der Kranken, »es geht dir ja vortrefflich, wie man hört —«
»Und dir, Flora?« unterbrach Henriette sie mit kaum bezähmbarer Ungeduld, während sie dem hinzutretenden Kommerzienrat, ihn zerstreut begrüßend, die Hand gab.
Flora verbiß mit Mühe ein mokantes Lächeln. »Mir? Ei nun, leidlich! Die gestrige Alteration spukt mir allerdings noch in den Nerven, aber ich habe ja Willen und Selbstbeherrschung genug, um sie niederzuhalten. Gestern freilich sah es schlimm aus in mir; ich war krank; ich glaube, ich bin halb wahnwitzig gewesen vor nervöser Aufregung; wenigstens bin ich mir nicht ganz klar über mein nachheriges Thun und Lassen — was Wunder! Daniel in seiner Löwengrube ist kaum übler daran gewesen als ich in der ungeheuerlichen Situation. Unter solchen barbarischen Fäusten —«
»Nun, davor hat dich Käthe tapfer geschützt,« sagte Henriette ergrimmt. »Wie ein Schild hat sie vor dir gestanden und den Streich aufgefangen, die arme, brave Käthe! — Moritz, sie haben ihr die Kleider vom Leibe gezerrt, die Flechten von der Stirn niedergerissen —«
»Dieses wunderschöne Haar!« fiel die Tante mit sanftem Bedauern ein und strich zärtlich über die glänzenden Wellen, die von der Stirn des jungen Mädchens zurückfielen.
»Nun ja, sie haben ihr arg mitgespielt, die Furien!« gab Flora mit einem ärgerlichen Stirnrunzeln zu, »aber ich muß mir's denn doch ausbitten, daß ich dafür nicht allein verantwortlich gemacht werde. Ihre Manie, ewig in starrer Seide zu gehen, trägt zumeist die Schuld. Das Volk neidet uns nun einmal den Reichtum und die Eleganz; das seidene Kleid reizte die Weiber, und da hat sie denn — und leider auch wir — anhören müssen, daß ihre Großmutter barfuß gegangen und der Schloßmüller vordem Knecht gewesen ist, daß der Kornwucher ihr ganzes großes Vermögen zusammengescharrt hat, und was dergleichen liebliche Dinge mehr waren. Käthes Erscheinen hat unsere peinliche Situation verschlimmert; die Erbitterung gegen die reiche Erbin war grenzenlos — habe ich nicht recht, Käthe?«
»Ja, Flora,« versetzte das junge Mädchen bitter lächelnd, mit bebender Stimme. »Ich werde viel thun müssen, um einigermaßen gut zu machen, was mein Großvater an der Menschheit gesündigt hat.«