Während Flora sprach, hatte sich die Gestalt der Präsidentin förmlich gestreckt vor innerer Genugthuung. Die schonungslose Bloßlegung des »skandalösen Stammbaumes« klang wie Musik in ihren Ohren; sie fixierte lauernd den Kommerzienrat. Der neugebackene Edelmann mußte vor dem Gedanken zurückschrecken, daß das Volk mit den Fingern auf die Frau an seiner Seite zeigen und ihr Herkommen, den Ursprung ihres Geldes auf der Straße ausschreien würde. »Ach geh, Käthe, das klingt denn doch gar zu kindisch naiv und empfindsam!« sagte sie den Kopf hin und her wiegend. »Wie wolltest du denn das anfangen?«

Flora lachte. »Sie will ihren kostbaren Geldspind öffnen und die Aktien unter das Volk streuen.«

»Wie Schwester Flora aus Angst um ihren tadellosen Teint gestern mit ihrer Börse gethan,« warf Henriette beißend, in persiflierendem Tone ein; der aufwallende Groll drängte selbst das fieberhafte Verlangen, die Braut bereuend im Staube vor dem Doktor zu sehen, für einen Augenblick in den Hintergrund.

»Einer solchen Gedankenlosigkeit werde ich mich wohl nicht schuldig machen,« sagte Käthe gelassen, aber ernst abweisend zu Flora, die sich ärgerlich über Henriettens anzügliche Bemerkung auf die Lippen biß. »Ruht Fluch und Unsegen auf dem Gelde —«

Der Kommerzienrat unterbrach sie mit einem lauten Gelächter. »Kind, lasse dir doch nicht bange machen! Unsegen! Ich sage dir, das Glück hängt sich deinem Erbe förmlich an die Fersen; die Gewinnanteile, die ich gegenwärtig durch ein neues glückliches Arrangement erziele, sind geradezu riesig.«

Die breiten Lider der Präsidentin, die meist mit einer gewissen vornehmen Müdigkeit die Augäpfel halb verschleierten, hoben sich bei dieser Schilderung. Das eine Wort »Gewinnanteil« machte diese großen Augensterne gierig flimmern, wie es vielleicht kaum in ihrer Jugend das Verlangen nach Siegen ihrer Schönheit vermocht.

»Riesig?« wiederholte sie kurz mit fliegendem Atem. »Das sind die meinen nicht. Ich will sofort verkaufen und mich an dem neuen Unternehmen beteiligen.«

»Das läßt sich leicht arrangieren, teuerste Großmama; ich werde heute noch die nötigen Schritte thun. Ja, ja, der gemeine Mann sagt ganz richtig: wo Tauben sind, da fliegen Tauben zu, und nie ist das Wort wahrer gewesen als in unserer wunderbaren Zeit. Der Kapitalist ist ein Fels, dem die Wogen von selbst ihre Schätze zuwerfen —«

»In den Augen der Ruhigdenkenden nicht, Moritz,« sagte Doktor Bruck. Er war vorhin bei Henriettens lebhaftem Widerspruch an das Bett getreten und hatte sanft beruhigend ihre Hand zwischen seine Hände genommen — so stand er noch. Er sah sehr vornehm aus; noch trug er den Frack unter dem Ueberzieher und den Handschuh an der Linken, sein schönes, bärtiges Gesicht aber, das er jetzt voll den Anwesenden zuwandte, zeigte noch schärfer den eigentümlichen leidensvollen Zug, den Käthe heute zum erstenmal bemerkt hatte. »Man ist schon seit längerer Zeit mißtrauisch,« fuhr er fort, »und fängt an, diesen mühelosen Erwerb mit einem sehr harten Wort zu bezeichnen —«

»Schwindel, willst du sagen,« unterbrach ihn der Kommerzienrat belustigt. »Liebster Doktor, allen Respekt vor dir und deinem Wissen, aber in kaufmännischen Dingen überlasse mir die Beurteilung! Du bist ein ausgezeichneter Arzt, hast eben deinen Namen zu einem weltberühmten gemacht —«