»Der Titel ist mir nicht erlassen worden;« — ein leises, ironisches Lächeln stahl sich über sein Gesicht — »es ist jedenfalls nicht etikettegemäß in Serinissimus' Augen, sich von einem titellosen Heilbeflissenen herstellen zu lassen. Er besteht darauf, mich zum Hofrate zu ernennen.«

Bei seinen letzten Worten streckte ihm die Tante Diakonus, mit einer tiefen Rührung kämpfend, die Hand entgegen, und er — sonst die scheue Zurückhaltung selbst — umschlang mit beiden Armen die zarte Gestalt der alten Frau und drückte sie fest und innig an seine Brust. Das Leid, die bittere Heimsuchung, welche diese beiden standhaft zusammen getragen, isolierte sie in diesem Augenblicke der Sühne vollkommen vom Kreise der Umstehenden.

Flora wandte sich ab und trat geräuschvoll in das Fenster; sie nagte sich die Unterlippe fast blutig; man sah, es zuckte ihr in den Händen, die treue Frau wegzustoßen von dem Platze, den sie, die pflichtvergessene Braut, verwirkt hatte.

»Er geht ja aber fort, Tantchen,« sagte Henriette mit ihrer heiseren, tonlosen Stimme vom Bette herüber.

»Ja, seinem Ruhme, seinem Glücke entgegen,« antwortete die alte Frau und hob unter Thränen lächelnd den Kopf von seiner Schulter. »Ich will gern hier zurückbleiben in dem Heim, das seine Sohnesliebe mir geschaffen hat, wenn ich ihn draußen geachtet, geehrt und befriedigt durch seinen großen Beruf weiß. Meine Mission an seiner Seite ist ohnehin bald zu Ende — eine andere tritt an meine Stelle.« Die Zärtlichkeit wich aus ihrer Stimme; sie sprach mit tiefem Ernste, und die sonst so milden Augen hafteten fest, fast streng auf dem schönen Mädchen im Fenster. »Sie mit ihrem reichen Geiste weiß jedenfalls die Heiligkeit, aber auch die oft herben Anfechtungen seines Berufes weit lebendiger zu erfassen als ich, und wird ihm deshalb gewiß ein Daheim schaffen, das ihm, unabhängig von den äußeren Strömungen, gleichmäßig ein harmonisch-inniges Familienleben bietet.« Das Betonen des einen Wortes ließ Käthe deutlich erkennen, daß die Tante Floras gestriges häßliches Gebaren sehr wohl bemerkt und als Launenhaftigkeit aufgefaßt hatte.

»Das ist alles recht schön und gut, meine beste Frau Diakonus, und ich zweifle auch keinen Augenblick, daß Flora eine ganz tüchtige Frau Professorin werden wird,« sagte die Präsidentin kühl — der indirekt ermahnende Ton, welchen die simple Pastorswitwe ihrer Enkelin gegenüber anzuschlagen wagte, verdroß sie sichtlich —; »allein zu einem anmutenden Familienleben gehören heutzutage auch komfortable Räume, und das Beschaffen derselben macht mir augenblicklich große Sorge. Ich komme eben von einer erschöpfenden Beratung mit dem Möbelfabrikanten; er behauptet, nunmehr — Gott weiß aus welchem Grunde — die längst bestellten Boulle-Möbel für Floras Salon bis zu Pfingsten absolut nicht liefern zu können. Flora hat sich währenddem mit der Wäschelieferantin herumgezankt, die auch so fabelhaft langsam ist und die Vollendung der Ausstattung erst bis Anfang Juli in Aussicht stellt. Was fangen wir an?«

»Wir warten,« sagte Doktor Bruck in seiner einsilbigen Weise und griff nach Hut und Stock, um beides fortzutragen.

Die Präsidentin fuhr ein wenig zusammen; sie sah ziemlich perplex aus, und eine gewisse Aengstlichkeit schlich durch ihre Züge, aber sie faßte sich rasch und klopfte ihn leicht auf die Schulter. »Das ist brav, liebster, bester Doktor! Sie helfen uns selbst aus der peinlichsten Verlegenheit, während ich mich auf berechtigten Widerspruch Ihrerseits gefaßt gemacht hatte. Diese Pfingsten waren mir fast zu einem drohenden Gespenst geworden. Sie hielten so fest an dem einmal bestimmten Tage.«

»Gewiß, allein meine Uebersiedelung nach L.....g macht eine Abänderung sogar notwendig,« entgegnete er gelassen und ging hinaus.

»Und was meint die Braut?« fragte die Tante Diakonus mit ungewisser Stimme; sie war augenscheinlich sehr betreten über die geschäftsmäßige kühle Ruhe des Doktors und das plötzliche verlegene Schweigen der Anwesenden.