Flora wandte ihr ein heiter strahlendes Gesicht zu. »Mir ist die gegönnte Frist insofern hochwillkommen, als meine künftige Lebensstellung plötzlich eine so ganz andere werden wird. Da bedarf es der Vorbereitung, der inneren Sammlung und Einkehr. Mein Gott, es ist ja doch ein himmelweiter Unterschied! Von der Frau eines Universitätsprofessors mit großem Namen verlangt die Welt ein ganz anderes Auftreten, ganz andere Kapazitäten als von einer einfachen Doktorsfrau, möge ihr Mann immerhin Hofrat und Leibarzt eines Fürsten sein.« Ein unbeschreiblicher Hochmut sprühte förmlich aus der zarten, hoch emporgerichteten Gestalt; in jedem Worte klang innerer Jubel, mühsam unterdrücktes Frohlocken mit — sie stand auf dem Gipfel ihrer glühendsten Wünsche.

Der Kommerzienrat rieb sich vergnügt die Hände. Er hätte losplatzen und ihr in das Gesicht lachen mögen; die Präsidentin aber kämpfte sichtlich mit einer ärgerlichen Aufwallung. Jetzt maßte sich wohl gar die Enkelin an, mit ihrer »Partie« noch um so viel Staffeln höher zu steigen als selbst sie, die hochgestellte fürstliche Beamtenfrau.

»Wohin versteigst du dich, Flora!« rügte sie, in zorniger Mißbilligung den Kopf schüttelnd.

»In meine glänzende Zukunft, Großmama,« antwortete sie mit einem kleinen, übermütigen, boshaften Lächeln. Sie drehte der Präsidentin mit einer so ausdrucksvollen Gebärde den Rücken, als sei sie nun mit einer unerquicklichen Vergangenheit vollkommen fertig und wolle mit keinem Worte mehr daran erinnert sein.

»Und nun ergebe ich mich Ihnen auf Gnade und Ungnade, lieb Tantchen,« sagte sie zu der alten Frau, die jeder Bewegung der schönen Braut mit klugem, prüfendem Blicke gefolgt war. »Machen Sie mit mir, was Sie wollen! Ich unterwerfe mich allem; nur zeigen Sie mir den Weg, auf welchem ich Leo glücklich machen kann! Ich will nähen, kochen —« Bei den letzten Worten streifte sie flink die Handschuhe ab, als wolle sie sofort Ernst machen und an den Kochherd treten. »Ah!« stieß sie erschrocken heraus und fuhr mit der Hand, wie fangend, durch die leere Luft — der »einfache Goldreif« war ihr beim Abziehen des Handschuhs vom Finger geglitten. Niemand hatte ihn zu Boden fallen hören; man suchte, allein es war, als habe ihn die Luft aufgesogen.

»Er wird zwischen deine Kissen gefallen sein, Henriette,« klagte Flora. Sie war ganz bleich geworden. »Erlaube, daß wir dich für einen Moment emporheben und nachsehen —«

»Das kann ich nicht zugeben,« erklärte die Tante entschieden. »Henriette darf nicht beunruhigt, nicht unnötig aus ihrer bequemen Lage gebracht werden —«

»Unnötig!« wiederholte Flora vorwurfsvoll und schmollend wie ein Kind. »Es ist ja mein Verlobungsring, Tantchen.«

Käthe schauderte in sich zusammen bei diesen Worten. War Flora wirklich ein solches Kind des Glückes, daß eine Art Wunder ihr den Ring wieder in die Hände zurückgespielt hatte, oder log und trog sie mit dreister Stirn so entsetzlich? Sie suchte vergebens in den ängstlich umherforschenden Augen dieser Sphinx zu lesen.

»Das ist ein fataler Zufall,« sagte die Tante Diakonus, »aber verloren kann ja der Ring nicht sein. Wir werden ihn heute noch bei Henriettens Umbetten finden, dann soll ihn mein Dienstmädchen sofort in die Villa tragen.«