Mittlerweile war der 20. Mai, Floras Geburtstag, herangekommen. Auf allen Tischen des Zimmers dufteten Blumen, welche die guten Freundinnen herkömmlicherweise gebracht hatten. Auch die Fürstin hatte der Braut des Hofrats, welcher mit Gnadenbeweisen förmlich überschüttet wurde, ein prachtvolles Boukett geschickt, und von den »stolzesten Granden« des Hofes waren Glückwünsche in der schmeichelhaftesten Form eingelaufen. Ja, es war ein Tag des Triumphes für die schöne Braut, ein Tag, an welchem sie wieder einmal so recht bestärkt wurde in ihrer felsenfesten Ueberzeugung, daß sie wirklich ein Liebling der Götter, eine für einen auserwählten Lebensweg Geborene sei.
Und doch lag ein Schatten auf ihrer Stirn und sie runzelte öfter ungeduldig und ärgerlich die Brauen. Auf dem Tische inmitten des Zimmers, zwischen den Gaben der Großmama und der Schwester, stand eine hübsche Tischuhr von schwarzem Marmor; Doktor Bruck hatte sie am frühen Morgen mit einem begleitenden Glückwunschbillet geschickt und sich für die Vormittagsstunden wegen seines Nichterscheinens entschuldigt, da er einen Schwerkranken vorläufig nicht verlassen dürfe.
»Ich begreife Leo nicht, daß er nichts Hübscheres für mich zu finden gewußt hat als das steinerne Unding da,« sagte sie, verdrießlich auf die Uhr zeigend, zu der Präsidentin, die das Boukett der Fürstin aus der Vase genommen hatte und unablässig daran roch, als müsse es einen ganz besonderen Duft ausströmen. »Ein schwarzes Geburtstagsgeschenk gibt man doch nicht gern; ich für meinen Teil finde es zum mindesten geschmacklos.«
»Die Uhr ist vollkommen passend, gerade in deinem Geschmacke gewählt, Flora; sie soll jedenfalls das wunderbar tiefsinnige Arrangement dieses Zimmers vervollständigen,« sagte Henriette. Sie lag auf dem roten Ruhebette und streifte mit einem spöttischen Blick die schwarzen Säulenstücke in den vier Zimmerecken.
»Unsinn! Du weißt so gut wie ich, daß ich diese Einrichtung nicht mitnehmen kann. Moritz hat das Zimmer nach meiner speziellen Angabe eingerichtet, wie es ist, aber geschenkt hat er mir meines Wissens weder Möbel noch Ausschmückung. Ich möchte den Kram auch um alles nicht mitschleppen; man sieht sich ebenso satt und müde an einer stereotypen Zimmereinrichtung wie an einer oft getragenen Toilette. Was in aller Welt soll ich nun mit der schwarzen Figur da in meinem L.....ger Boudoir anfangen, das lila dekoriert und mit Bronzegerät geschmückt sein wird?«
»Ein frisches Boukett wäre mir auch lieber gewesen, aber du bist ja nicht sentimental, Flora,« meinte Henriette, nicht ohne einen boshaften Anflug in der Stimme. Käthe aber, heute zum erstenmal schneeweiß gekleidet, stand neben einem herrlich entwickelten Myrtenbaume, welchen die Tante Diakonus selbst gezogen und herübergeschickt hatte, und ließ die Hand mit einem wehmütigen Lächeln wie schmeichelnd über die feinblätterigen, biegsamen Zweige gleiten. Niemand beachtete das selten schöne Geschenk, dessen Hingabe jedenfalls ein schweres inneres Opfer gekostet hatte.
Nach Tische hielt man sich im Balkon- und Empfangszimmer auf, weil immer noch Gratulanten kamen und gingen. Sämtliche Thüren der Zimmerreihe waren zurückgeschlagen; es war ein herrlicher Aufenthalt, dieses untere Stockwerk. Durch das vergoldete Bronzegitter des Balkons zogen weiche Lüfte, die den Duft vom jungen Lindenlaube der Allee und aus den halboffenen Blütenknospen der Bocage herübertrugen, und in die hohen Fenster fiel das goldene Maienlicht; nur dem dunkelpurpurnen Zimmer vermochte es keinen Reflex abzulocken, das sah grämlich und kalt aus wie immer, und dem weichen Gefühle mußte der aufgehäufte Reichtum lebender Blumen zwischen diesen vier Wänden geradezu grausam erscheinen.
Henriette lag in einem Schaukelstuhle, der offenen Balkonthür gegenüber. Sie hatte auch gern »maienhaft wie Käthe« aussehen wollen und ihr hageres Figürchen in eine ganze Wolke weißer Mullgarnierungen gesteckt, aber fröstelnd hüllte sie den Oberkörper in einen weichen Shawl von gesticktem Crêpe de Chine, und darüber her wogte aufgelöst ihr reiches blondes Haar, das sie seit dem letzten schweren Leidensanfalle nicht mehr aufnestelte. So stillliegend und vom halbgedämpften Sonnenlichte überspielt, mit den weit offenen, blauglänzenden und schwarzbewimperten Augen, der kalkweißen Haut, die nur in der Nähe der zarten Schläfen ein fieberhaft roter Anhauch betupfte, sah sie heute aus wie ein Wachspüppchen. Sie hatte Käthe an den Flügel im Musiksalon geschickt und wartete nun mit in den Schoß gefalteten Händen auf den Anfang des Schubertschen Liedes »Lob der Thränen«. Da verdunkelten sich plötzlich die Fieberflecken auf dem schmalen Gesichtchen zum tiefsten Karmin und die verschränkten Hände fuhren unwillkürlich nach dem Herzen — Doktor Bruck trat in den Salon.
Flora flog ihm entgegen und hing sich an seinen Arm und zog ihn in ihr Zimmer, damit er ihre Geburtstagsgeschenke ansehe. Die schöne Dame, die so lange ihrem ganzen Thun und Lassen den Stempel der Gelehrsamkeit, der ernstgrübelnden Forschung aufzudrücken verstanden, zeigte heute, an ihrem neunundzwanzigsten Geburtstage, die naive Grazie einer Sechzehnjährigen, und in dieser Wandlung war sie mit ihrem lieblich belebten Gesicht und dem weichen Spiel der schlanken, biegsamen Glieder auch wirklich jugendlich reizend.
Käthe stand am Notenschrank und suchte nach dem begehrten Lied, als das Brautpaar hinter ihr weg nach Floras Zimmer schritt; sie sah sich nur flüchtig um, wobei sie einen halbverlegenen Gruß vom Doktor erhielt, und suchte dann um so emsiger.