»Sieh, Leo, mit dem heutigen Tage schließe ich die Vergangenheit ab, in der ich so schwer geirrt und mich nahezu um mein Lebensglück gebracht hätte,« sagte Flora drüben mit unwiderstehlich süßer Stimme, während Käthe einen dicken Notenstoß aus dem Schranke hob. »Ich will die Erinnerung an jenen schlimmen Abend nicht wieder wachrufen, wo ich alle Herrschaft über mich verloren und in der Aufregung und Gereiztheit Aussprüche gethan habe, um die meine Seele, mein Herz selbst nicht wußten, aber um der Wahrheit willen, und weil ich mir doch das schuldig bin, muß ich dir sagen, daß auch du damals geirrt hast, was dein absprechendes Urteil betrifft. Es war nicht der Trieb, mich hervorzuthun, der mich der Schriftstellerei zugeführt hat, sondern in der That die Begabung — deutlich gesagt — der Genius. Frage mich nicht weiter! Ich kann dir nur versichern, daß ich meinen Weg gemacht haben würde, und zwar durch mein Werk ‚Die Frauen‘, das du ja nicht kennst. Es ist nach Aussprüchen von kompetenter Seite wohl geeignet, meinen Namen rühmend in alle Welt hinauszutragen, aber wie könnte es mir jetzt wohl noch einfallen, an deiner Seite meinen eigenen Weg zu gehen und meine speziellen Fähigkeiten geltend machen zu wollen? Nein, Leo, ich werde mich einzig und allein in deinem Ruhme sonnen, wie es der Frau ziemt, und damit mir auch in Zukunft die Versuchung nie wieder nahe tritt, müssen diese Blätter, das Resultat emsigen Studiums und des poetischen Quells, der nun einmal in meiner Seele quillt und sprudelt, aus der Welt verschwinden.«

Käthe umschritt in diesem Augenblick, das endlich gefundene Notenblatt in der Hand, den Flügel. Sie sah, wie Flora das Manuskript mit einigen Streichhölzern entzündet und es auflodernd in den Kamin warf. Die schöne Braut wandte dabei den Kopf nach der Fensterseite zurück, wo jedenfalls der Doktor stand; vielleicht wünschte sie, er möchte den Versuch machen, sie in ihrem Beginnen zu hindern, allein kein Schritt wurde hörbar; keine rettende Hand streckte sich aus, um das »kostbare« Brennmaterial den Flammen zu entreißen. Der Brandgeruch, den der Frühlingswind in das Zimmer zurücktrieb, wehte in den Musiksalon, und während Flora mit fest eingeklemmter Unterlippe und seltsam glimmenden Augen vom Kamin zurücktrat, nahm Käthe hastig den Platz am Flügel ein und begann sofort die Lisztsche Phantasie über das »Lob der Thränen«.

Käthe wollte Brucks Antwort nicht hören; denn es war ihr schrecklich, stets unfreiwillige Zeugin der Szenen zwischen den Verlobten zu sein — Bruck mußte sie zuletzt hassen. Aber sie war namenlos empört über die abermalige Komödie, die sich eben wieder vor ihren Augen abgespielt. Das abgegriffene, wandermüde Manuskript, das auf seinen »Zickzackwegen durch die Welt« von kompetenter Seite wiederholt als nicht brauchbar zurückgeschickt worden war, es hatte die Rolle eines thränenwerten Opfers spielen müssen, das die Seelengröße, die hehre Selbstüberwindung eines hochbegabten, sich und ihren Genius verleugnenden Weibes dem strengen Herrn und Gebieter brachte.

Es wurde drüben gesprochen. Käthe hörte durch die Melodie, welche ihre Hände energischer als sonst den Tasten entlockten, die ernste, unbewegte Stimme des Doktors, aber sie verstand zu ihrer eigenen Beruhigung kein Wort, und als sie schloß, da kam auch Flora schon wieder herüber, um in das Balkonzimmer zurückzukehren. Diesmal hing sie nicht an Brucks Arm; sie hielt das Boukett der Fürstin in der Hand und ging neben dem Doktor her, verdrossen wie ein gescholtenes Kind, das aber nicht zu widersprechen wagt — Flora hatte ihren Herrn und Meister gefunden ... Ein zorniger Seitenblick streifte die am Flügel sitzende Schwester, die eben die Hände von den Tasten sinken ließ. »Gott sei Dank, daß du fertig bist, Käthe!« sagte sie stehen bleibend. »Du lärmst ja auf dem Instrument, daß man sein eigenes Wort nicht versteht. Schau, deine eigenen Sachen spielst du ja ganz nett — das sind eben harmlose Kindermelodien ohne alle Tiefe — an Schubert und Liszt aber solltest du dich nicht wagen; dazu fehlt dir das Verständnis und vor allem die Fertigkeit.«

»Henriette hat die Piece zu hören gewünscht,« entgegnete Käthe gelassen und schloß den Flügel. »Für eine fertige Klavierspielerin habe ich mich nie ausgegeben —«

»Nein, Herzenskäthe, das hast du niemals gethan, bist auch keine Virtuosin, die Bockssprünge mit ihren Fingern macht,« fiel Henriette ein; sie stand plötzlich, wie hingeweht, auf der Schwelle des Musiksalons, »aber das Mädchengemüt möchte ich kennen, das Schubert inniger auffassen möchte als du — oder meint Schwester Flora, die Thränen, die einem dabei in die Augen treten, weine und heuchle man aus purer Gefälligkeit?«

»Kranke Nerven, Kindchen — weiter nichts!« lachte Flora und folgte dem Doktor in den Salon, von wo die Präsidentin ihn gerufen hatte.

Die alte Dame saß drüben mit etwas echauffiertem Gesicht, in der einen Hand die Lorgnette, in der andern einen Brief, den ein Diener eben gebracht hatte. »Ach, liebster, bester Hofrat,« — sie gebrauchte diesen Titel, so oft er sich anbringen ließ, denn er schmeichelte ihrem Ohre trotz alledem und alledem — »da schreibt mir eben meine Freundin, die Baronin Steiner, daß sie in den nächsten Tagen hierher kommen will, um Rat und Hilfe bei Ihnen zu suchen. Sie ist ganz trostlos über ihren Enkel, den Stammhalter der alten Familie von Brandau — der Junge hinkt seit einiger Zeit ein wenig, und die tüchtigsten Aerzte tappen im Dunkeln über den Ursprung des Leidens. Wollen Sie das Kind untersuchen und in Behandlung nehmen?«

»Sehr gern, vorausgesetzt, daß die Dame nicht allzu große Ansprüche an meine Zeit macht.« Er kannte schon diese hocharistokratisch sich gebärdenden Damen, die gar zu gern »warten lassen« und einen angehenden Schnupfen wie eine Todeskrankheit respektiert sehen wollen.

Die Präsidentin war sichtlich verletzt durch die gleichgültige Art und Weise, mit welcher ihre Bitte aufgenommen wurde; sie antwortete nicht.