»Die Baronin ist sehr pikiert über meinen neulichen Absagebrief,« wandte sie sich an Flora; »der Zettel da« — sie tippte mit der Lorgnette auf das Briefblatt — »strotzt von Anzüglichkeiten, und wenn nicht Sorge und Angst an sie heranträten, würde sie mir wohl nie wieder geschrieben haben; wie mich das schmerzt, kann ich kaum sagen. Sie will nun im ersten besten Hotel wohnen, von wo aus unser Hofrat am ersten zu erreichen ist, und bittet mich wenigstens um die Gefälligkeit, ihr eine Wohnung von fünf Zimmern auszumachen.« Jetzt zuckte ein wahrhaft vernichtender Blick unter den breiten Lidern hervor nach dem jungen Mädchen im weißen Kleide, das ihr gegenüber hinter einem Stuhle stand und, die Hände auf die Lehne desselben gelegt, mit niedergeschlagenen Augen den Verhandlungen zuhörte, wobei abwechselnd Erröten und Blaßwerden über das liebliche Gesicht hinflogen — war doch jedes Wort ein Vorwurf für sie.
»Mein Gott, es ließe sich ja schließlich in der Bel-Etage einrichten, wenn die gute Steiner nicht à tout prix fünf Zimmer haben müßte,« fuhr die Präsidentin fort. »Aber sie braucht doch notwendig einen Salon für sich und ihre Tochter Marie, ein Wohnzimmer für den kleinen Job von Brandau und seine Gouvernante, und allermindestens drei Schlafzimmer — die Jungfer kommt ja auch mit.« Sie stützte sorgenschwer und tief verstimmt den Kopf in die Hand.
»Das will alles in allem sagen, daß Käthe für die Besuchszeit dieser wildfremden und anmaßenden Frau Baronin im Wege ist,« fuhr Henriette scharf und zornig heraus.
»Ich habe mich bereits erboten, in die Mühle zu gehen,« sagte die junge Schwester ohne eine Spur von Empfindlichkeit und strich beschwichtigend mit der Hand über Henriettens Haar.
»O nein, da weiß ich etwas Besseres, Käthe — wenn du denn einmal weichen mußt,« rief die Kranke mit aufleuchtenden Augen. »Wir bitten die Tante Diakonus um das liebe traute Fremdenzimmer für dich; ich weiß, sie wird ganz glücklich sein, dich drüben zu haben, denn du bist ja ihr Augapfel ... Dein Flügel wird hinübergeschafft, und da darf ich dann auch kommen, so oft ich will —« Sie verstummte plötzlich mit einem Blicke auf den Doktor. Dieser hatte sich zuerst abgewendet und durch das Fenster gesehen, und jetzt kehrte er ihr das tiefverfinsterte Gesicht zu, und das, was sie aus seinen Augen ansprühte, war heftiger, zürnender Widerspruch; sie traute ihren Sinnen kaum — er war gar nicht mehr er selbst.
»Ich finde es praktischer und schlage deshalb vor, daß der Knabe mit seiner Erzieherin in meinem Hause einquartiert wird,« sagte er kalt und gezwungen.
Die Präsidentin rückte und zupfte verlegen an der Schleierwolke unter ihrem Kinn, auch konnte sie ein flüchtiges ironisches Lächeln kaum unterdrücken. »Das wird sich schwerlich arrangieren lassen, bester Hofrat,« versetzte sie. »Meine alte Freundin wird sich um keinen Preis von Job trennen wollen, und dann — Sie haben keinen Begriff davon, wie entsetzlich verwöhnt der Junge ist. Unser kleiner, lieber Erbprinz ist nicht so exquisit logiert wie dieser einzige und letzte Sproß der Brandaus; das dürre, häßliche Kerlchen schläft unter Atlasdecken und seidensamtenen Vorhängen. Mein Gott ja, die Familie kann das und findet solch eine luxuriöse Umgebung selbstverständlich. Unsereins kommt aber in Verlegenheit, wenn es gilt, sie zu logieren.«
»Und weshalb ziehst du es vor, das kleine Scheusälchen — dieser gefeierte letzte Sproß der Brandau ist nämlich der ungezogenste, nichtsnutzigste Bengel, den die Welt hat — der armen Tante Diakonus ins Haus zu bringen, Leo?« fragte Henriette heftig und gereizt den Doktor; sie war urplötzlich in jene krankhafte Aufregung verfallen, welche sie öfter Dinge sagen ließ, die sie nachher bitter bereute. »Was hat dir denn Käthe gethan? Ich sehe es längst mit Ingrimm, wie ungerecht und vorurteilsvoll du gegen sie bist; ist sie dir nicht vornehm genug, weil der Schloßmüller ihr Großvater war? Nie fällt es dir ein, sie auch nur anzureden, und das ist doch geradezu lächerlich, denn sie ist und bleibt Floras Schwester so gut wie ich. Unter uns allen waltet das trauliche ‚Du‘ — nur sie ist die Ausgestoßene.«
»Mein lieber Schatz, dieses ‚Du‘ ist mir längst ein Dorn im Auge, und wenn es auf mich allein ankäme, dann dürftest du es so wenig gebrauchen wie Käthe auch,« fiel Flora ein. »Aufrichtig gestanden, ich gönne keiner anderen auch nur das Iota von einem Vorrechte, das mir allein zusteht. In Bezug auf dich will ich Gnade für Recht ergehen lassen — mag es dabei bleiben, von Käthes Seite aber würde ich mir eine solche Vertraulichkeit zu Leo ganz ernstlich und energisch verbitten.« Sie schlang ihren Arm um die Schulter des Doktors und schmiegte sich mit einem zärtlichen Aufblicke eng an seine hohe Gestalt.
Machte es diese Berührung in Gegenwart der anderen, oder war er innerlich so bestürzt und empört über Henriettens rücksichtslose Vorwürfe — der Doktor fuhr empor, als halte ihn eine Schlange und nicht ein schöner, weicher Mädchenarm umschlungen, und sein Gesicht war weiß und blutlos wie der Tod.