Käthe wandte sich ab und wollte das Zimmer verlassen — sie hätte laut aufweinen mögen, so entsetzlich wehe hatte man ihr gethan, aber sie verbiß standhaft die Qual und bemühte sich, ihre äußere Haltung zu behaupten; da wurde die Thür geöffnet, auf die sie zuschritt, und der Kommerzienrat trat herein. Wunderlich, sie vergaß in diesem Augenblicke völlig die Abneigung, die sich während der letzten Zeit in das Herz geschlichen; sie dachte nur daran, daß er ihr Vormund sei, Vaterstelle bei ihr vertreten und sie schützen müsse, und infolge dieses Antriebes trat sie neben ihn Und legte die Hand auf seinen Arm.
Er sah sie überrascht, aber froh lächelnd an und drückte ihre Hand unter schalkhaftem Augenblinzeln mit seinem Arme fest an das Herz. Die Hände hatte er nicht frei; er trug eine kleine Kiste, die er auf den Tisch stellte, hinter welchem die Präsidentin saß. Sein Eintreten unterbrach eine unsäglich peinliche Szene, und Henriette, die sie herbeigeführt, hätte ihm jetzt um den Hals fallen mögen für den heiteren, frohmütigen Ton, den er in seiner Unbefangenheit anschlug.
»Nun bin ich getröstet, da ist endlich mein Angebinde für dich eingetroffen, Flörchen,« sagte er. »Mein Berliner Agent entschuldigt sein Zögern mit der Umständlichkeit der Fabrikanten.« Er lüftete den Deckel. »Apropos, ich habe auch noch eine Geburtstagsfreude für dich,« unterbrach er sich in leichtfertig scherzendem Tone. »Eben sagt man mir, daß du gerächt bist; heute morgen ist die Hauptheldin des Attentates im Stadtforste, die mit den gefahrdrohenden Nägeln, verurteilt und ihr eine ganz bedeutende Gefängnisstrafe zuerkannt worden; die anderen, entweder noch sehr jung oder zu der Missethat von der Anstifterin verführt, wie sich herausgestellt hat, sind meist mit einem blauen Auge davongekommen.«
»Ich will nicht hoffen, daß Flora diese Nachricht wirklich als Geburtstagsfreude aufnimmt,« rief Henriette. »Allerdings, Strafe muß sein, und der großen, wilden Megäre kann es nicht schaden, wenn sie durch Stillsitzen ein wenig zahm gemacht wird, allein für uns selbst hat in jenem entsetzlichen Auftritt etwas so namenlos Beschämendes gelegen — es ist schrecklich, sich so verhaßt und verwünscht zu wissen, und die Verhaßteste von uns allen ist Flora — daß du besser gethan hättest, Moritz, gerade heute darüber zu schweigen.«
»Meinst du?« lachte Flora. »Moritz kennt mich besser; er weiß, daß ich hoch über der sogenannten Volkesstimme stehe und um populär zu werden, nie einen Finger rühre. Und du hast früher nicht anders gedacht, Henriette. Ich möchte wissen, was du noch vor acht Monaten gesagt haben würdest, wenn irgend jemand die Volksinteressen in unseren Salons betont und vertreten hätte — das waren dir ‚böhmische Dörfer‘. Aber seit Käthe da ist, sind diese Fragen in unserer Bel-Etage so über alle Gebühr an der Tagesordnung, daß einem angst und bange wird vor so viel spartanischer Tugend und unfehlbarer Mädchenweisheit. Es sollte mich sehr wundern, wenn unsere Jüngste nicht bereits in ihrem Kochbuch Braten und Suppen aufgeschlagen hätte, die notwendig sind, um die Büßende bei Kräften zu erhalten.«
»Das nicht,« entgegnete Käthe mutig und ernsthaft in das vor Spott und Sarkasmus zuckende schöne Gesicht der impertinenten Schwester hinein; »aber nach ihren Familienverhältnissen habe ich mich erkundigt — sie hat vier kleine Kinder, und ihr unverheirateter Bruder, der in Moritzens Spinnerei beschäftigt war und für die halbverwaisten Kleinen mitgesorgt hat, liegt schon längere Zeit krank danieder. Es versteht sich von selbst, daß diese fünf hilflosen Menschen unter der notwendigen Strafe nicht mitleiden dürfen, und da will ich lieber gleich sagen, daß ich die Verpflegung in die Hand genommen habe, bis die zwei Versorger wieder arbeitsfähig sind.«
Der Kommerzienrat fuhr herum — er schien denn doch einen Widerspruch auf den Lippen zu haben. »Ja, Moritz,« sagte das junge Mädchen rasch mit einem ausdrucksvollen Blick, »das sind so Momente, wo mir vor dem Geldschrank meines Großvaters weniger graut.«
Die Präsidentin rückte ungeduldig auf ihrem Lehnstuhl hin und her — diese krasse Sentimentalität ging ihr über den Spaß. »Das sind ja recht hübsche Eröffnungen! Wie wunderlich und verdreht sich doch solch ein Kindskopf die Welt malt! In gefährlichere Hände kann der Reichtum gar nicht kommen,« rief sie tiefgeärgert. »Ja, nicht wahr, bester Bruck, da stehen Sie nun auch und sehen sich nachdenklich die Hand an, die sich so hilfsbedürftig an Moritzens Arm anklammert und dabei doch so willkürlich und eigenmächtig das Geld zum Fenster hinauswirft, das er mit mehr Strenge verwalten sollte?«
Käthe zog augenblicklich die Hand zurück. Sie sah noch, wie die Augen des Doktors unverwandt und finster auf ihren Fingerspitzen hafteten und dann erschrocken über die gegenüberliegende Wand hinstreiften.
»Ach, Großmama, ein Blick der Mißbilligung ist das ganz sicher nicht gewesen,« rief Flora scharf, sie trat mit einer ungestümen Gebärde ein wenig zurück und beobachtete argwöhnisch den Farbenwechsel auf dem schönen Gesichte des Verlobten. »Bruck war ja selbst immer so eine Art Enthusiast für das sogenannte Volkswohl.«