»Aber jetzt doch nicht mehr, mein Kind — jetzt, wo er bei Hofe verkehrt und die Gnade des Fürsten besitzt wie kaum ein anderer?«
»Und weshalb sollte ich diesem Verkehre meine Grundsätze unterordnen?« fragte der Doktor anscheinend ruhig, allein seine Stimme klang unsicher und bewegt, als habe er noch mit inneren Stürmen zu kämpfen.
»Mein Gott, Sie werden doch nicht mit diesen Umsturzmenschen, diesen Sozialdemokraten, gehen wollen?« rief die Präsidentin ganz bestürzt und alteriert.
»Ich glaube, schon einigemal ausgesprochen zu haben, daß ich gar keiner dieser heftig streitenden Parteien angehöre, eben aus Humanität. Ich bemühe mich, den klaren Ueberblick zu behalten, den der Parteihaß stets trübt und welcher doch so notwendig ist, wenn man zum wahren Menschenwohle wirken will.«
Währenddem hatte der Kommerzienrat geschäftig die Kiste ausgepackt. Ihm war es stets höchst fatal, wenn das Gespräch auf ein Gebiet hinüberspielte, wo die Meinungsdifferenzen ihm das häusliche Behagen, wenn auch nur für einen Moment, störten. Er entfaltete maisgelben Atlas und veilchenfarbenen Seidensamt. »Zwei Toiletten zu deinem ersten Debüt als Frau Professorin auf dem Balle und in der Soiree,« sagte er unmittelbar nach Brucks Ausspruche zu Flora.
Er hatte seinen Zweck erreicht — der Glanz, den er hinbreitete, war zu verführerisch für Damenaugen; selbst Henriette vergaß momentan ihren Groll, als auch noch elegante Fächer und Kartons mit Pariser Blumen und Federn das reiche Geburtstagsgeschenk vervollständigten. Aber noch war der Inhalt der Kiste nicht erschöpft. »Die anderen Damen meines Hauses dürfen nicht leer ausgehen, um so weniger, als ich einstweilen eine Reise nicht in Aussicht und mithin für die nächste Zeit nicht die Gelegenheit habe, etwas mitbringen zu dürfen,« fuhr der Kommerzienrat fort.
Die Präsidentin nahm mit süßem Lächeln einen kostbaren Spitzenshawl in Empfang und Henriette erhielt eine weiße Taftrobe, in Käthes widerstrebende Hand aber drückte der Kommerzienrat mit einem eigentümlich verständnisvollen, vielsagenden Blicke ein ziemlich umfangreiches Etui.
Dieser eine Blick rief blitzschnell in der Seele des jungen Mädchens einen wahren Sturm der widerwärtigen Empfindungen wach, die sie in der letzten Zeit zu ihrem eigenen Befremden so sehr gegen den Schwager und Vormund eingenommen. Nein, und abermals nein! So seltsam feurig und so innig vertraut, als gelte es ein Geheimnis, um das nur sie beide wüßten, durfte und sollte er sie nicht anblicken — sie wollte sich das ein für allemal verbitten. Scham, Abneigung und der fast unbezwingliche Drang, ihren Widerwillen gleich jetzt, vor aller Ohren, unverhohlen auszusprechen, das alles kämpfte in ihr und mochte sich wohl auf ihrem Gesicht spiegeln, wenn es auch mißverstanden wurde.
»Nun, Käthe, ist es dir so etwas Neues, beschenkt zu werden?« fragte Flora. »Was hat dir denn Moritz zugesteckt? — Einmal müssen wir es doch erfahren, das süße Geheimnis — gib nur her, Kind!« — Sie fing das Etui auf, das eben im Begriff war, auf die Erde zu fallen, und drückte auf die Feder. Ein blaßrotes Feuer entströmte den Steinen, die, als Halsband aneinander gereiht, auf schwarzem Samt lagen.