Die Präsidentin nahm die Lorgnette vor die Augen. »Superbe gefaßt! Eigentlich zu künstlerisch, zu antik für die Imitation, wenn sie auch modern und selbst von hochgestellten Damen augenblicklich sanktioniert wird ... Der Glasfluß ist merkwürdig rein und feurig.« Sie blinzelte angestrengt hinüber und streckte nachlässig die Hand aus, um sich das Etui zur näheren Besichtigung auszubitten.
»Glasfluß?« wiederholte der Kommerzienrat beleidigt. »Aber, Großmama, wie können Sie mich denn für so entsetzlich unnobel halten? Ist denn auch nur ein Faden hier unecht?« — Er fuhr mit der Hand durch die knisternden Stoffe. »Ich kaufe grundsätzlich nie Imitation — das sollten Sie doch aus Erfahrung wissen.«
Die Präsidentin biß sich auf die Lippen. »Das weiß ich, Moritz — ich bin nur ganz konsterniert der Thatsache gegenüber; das sind Rubinenexemplare, wie sie, meines Wissens, unsere liebe Fürstin nicht einmal aufzuweisen hat.«
»Dann thut mir der Fürst leid, daß ihm die Mittel dazu fehlen,« rief der Kommerzienrat unter übermütigem Lachen. »Uebrigens müßte ich mich schämen, gerade Käthe etwas Wertloses zu schenken, Käthe, dem Goldkind, das in zwei Jahren aus dem eigenen Besitze jedes beliebige Kapital entnehmen und sich Juwelen anschaffen kann, so viel sie Lust hat. Wie würde sie dann die Imitation als eine Beleidigung verächtlich in die Ecke werfen!«
»Ich glaube das selbst,« fiel die Präsidentin mit kühler Ironie ein; »Käthe hat eine merkwürdige Passion für alles Schwere, in welchem recht viel Geld steckt — das beweisen ihre ewigen Tafttoiletten. Aber, mein Kind,« — sie heftete die Augen scharf auf das junge Mädchen, das die bebenden Hände wieder auf der Stuhllehne gefaltet und keine Miene gemacht hatte, das Geschmeide zurückzunehmen — »auch die Art, sich zu kleiden, muß vom Taktgefühle, vom guten Ton ausgehen, wenn man denn einmal gern zur feinen Welt gehören möchte. Achtzehn Jahre und Brillanten passen nicht zusammen — an einen Mädchenhals gehört ein schlichtes Kreuz oder Medaillon am Samtbande, allerhöchstens eine einfache Perlen- oder Korallenschnur.«
»Ich bitte dich, Großmama, Käthe bleibt doch nicht immer achtzehn Jahre und auch nicht immer ein Mädchen,« rief Flora mit frivolem Mutwillen. »Das weiß ich am besten, gelt, Käthe?«
Die Augen des Mädchens flammten auf vor beleidigter Scham und vor Unwillen; sie wandte sich stolz ab, ohne auch nur mit einer Silbe zu antworten.
»Schau, wie sie erhaben aussehen kann, die Kleine!« lachte Flora gezwungen auf — es gelang ihr nicht, ein Gemisch von Aerger und Verlegenheit ganz zu verbergen. »Thut sie doch, als hätte ich an das strengste Amtsgeheimnis mit meiner unschuldigen Ausplauderei gerührt! Ist's denn ein Verbrechen, wenn man den Wunsch hat, sich zu verheiraten? Geh, kleine Prüde! Was man in einem vertraulichen Augenblicke bekennt, das muß man auch öffentlich nicht verleugnen.« Sie schob die schneeweißen Finger spielend unter die funkelnden Rubinen und sah schelmisch und vielsagend blinzelnd den Kommerzienrat von der Seite an. »Wahr ist's, Moritz — das ist in der That ein Kollier — wie es nur die Frau eines Millionärs tragen kann.«
Bei diesen Worten erhob sich die Präsidentin. Sie raffte mit ungewohnter Hast und unsicheren Fingern Brief und Lorgnette auf und zog die Mantille über die Schultern, um zu gehen. »Magst du auch immer streng auf Echtheit halten, bester Moritz,« sagte sie vornehm gelassen; »der Champagner, den wir mittags auf Floras Wohl getrunken haben, war es nicht; er macht mir unerträgliches Kopfweh. Ich muß mich für einige Stunden niederlegen.«
Inmitten des Salons wandte sie sich noch einmal zurück. »Wenn ich mich erholt haben werde, möchte ich dich um eine Entscheidung bitten,« setzte sie hinzu, indem sie dem Kommerzienrat den Brief hinhielt. »Lies ihn — du wirst finden müssen, daß die Baronin nicht zum zweitenmal zurückgewiesen und beleidigt werden darf. Ich habe mich neulich gefügt um des lieben Friedens willen, aber nun bin ich nicht mehr in der Lage, so unverantwortlich nachzugeben. Leute unseres Standes lassen sich denn doch nicht wie Marionetten, je nach Gefallen, dirigieren und wohl gar als unbequem abschütteln. Das bedenke wohl, Moritz!«