»Willst du mir dergleichen nicht lieber drüben aussprechen?« fragte der Doktor mit starkem Nachdrucke. »Wir beide sind heute noch die einzigen, die der Mann in seine furchtbare Lage eingeweiht hat; nicht einmal seine Frau weiß darum —«

»Nun meinetwegen; ich werde ja hören, inwiefern er dich zum Vermittler gemacht hat, glaube aber schwerlich, daß ich ihm auch nur eine Fingerspitze reichen werde. Es ist eine total verlorene Sache, sag' ich dir.« Er zuckte kalt die Achseln; den einst wirklich gutherzigen Mann hatten Glück und Geld unempfindlich gemacht — er war völlig unfähig geworden, sich in eine von qualvollen Sorgen hin und her gepeitschte Menschenseele hineinzudenken. »Im übrigen hast du am allerwenigsten Ursache, dich seiner anzunehmen, er hat auch einen Stein aufgehoben, um dich zu bewerfen.«

»Soll das wirklich maßgebend für mich sein?« fragte Bruck ernst über die Schulter, während er sich anschickte, dem Kommerzienrate in das anstoßende Zimmer voranzugehen. — Der Mann der Wissenschaft erschien in diesem Augenblicke hochherrlich und imponierend neben dem jäh errötenden Geldmenschen.

Die drei Schwestern blieben allein. Flora schellte übelgelaunt nach ihrer Jungfer, damit sie die Geschenke des Kommerzienrates hinwegräume, und Käthe griff nach ihrem Sonnenschirme.

»Willst du ins Freie, Käthe?« fragte Henriette, die sich wieder in ihren Schaukelstuhl gekauert hatte.

»Es ist heute Arbeitsstunde bei der Tante Diakonus; ich habe mich schon verspätet und muß eilen —« Das junge Mädchen verstummte unwillkürlich; Schwester Flora warf einen Karton mit Blumen so heftig in die Korbwanne, welche die Kammerjungfer herbeigeholt hatte, daß ein ganzer Regen zarter, weißer Blütenglocken über die Stoffe hinflog.

»Wie mich dieses Thun und Treiben anekelt, kann ich gar nicht sagen,« rief sie ergrimmt. »Diese Tante, dieses personifizierte Pflichtgefühl, hat meine heutige Einladung zum Kaffee abgelehnt, weil die kleinen Damen aus unserem verrufensten Stadtviertel beileibe nicht unverrichteter Dinge fortgeschickt werden dürfen, und Fräulein Käthe beeilt sich selbstverständlich aus demselben Grunde, zu der Farce eine ernsthafte Miene voll Pflicht und Tugend zu machen.«

Sie biß sich auf die Lippen und wartete, bis sich die Jungfer entfernt hatte, dann aber erfaßte sie Käthe, die eben schweigend das Zimmer verlassen wollte, am Arm und hielt sie zurück. »Nur einen Augenblick Geduld! Ich muß dir sagen, daß du mich durch dein Gebaren in eine Rolle drängst, die ich auf die Dauer unmöglich durchführen kann — bis zum September ist eine lange Zeit. Was liegt näher, als daß die Tante von der Braut ihres Neffen dieselbe heroische Selbstüberwindung verlangt, wie sie das Muster von Schwester an den Tag legt? — Ich soll die ungewaschenen Kinderfinger zwischen die meinen nehmen und lammgeduldig Masche um Masche von den Nadeln heben, bis solch ein vernagelter Tagelöhnerkopf die Manipulation des Strickens begriffen hat. Ich soll nötigenfalls schmutzige Gesichter waschen, wirre Zöpfe strählen und stundenlang mit den unappetitlichen Menschenkindern Ringelreihe spielen — ich hab's versucht — brr! Und wenn ich darauf hin mein Mitwirken unterlasse, da geschieht es, daß ich durch die Ohrenbläsereien der guten Tante in Brucks Augen zu einem wahren Ungeheuer gestempelt werde, das — unweiblich und herzlos — die süße Kinderwelt nicht liebt. Aus diesem Grunde verbiete ich dir nochmals, ein für allemal diese Art Verkehr im Hause meines Bräutigams, kraft meines guten Rechtes — hörst du?«

»Ich höre, werde aber nichtsdestoweniger thun, was mir mein eigenes Gewissen nicht verbietet,« versetzte Käthe fest und ruhig und schob mit einer energischen Gebärde die Hand der Schwester von ihrem Arm. »Deinem guten Recht, das du übrigens selbst mißachtet und in meiner Gegenwart als überlästig ausgeboten hast —«