»Ja wohl, ja wohl!« rief Henriette dazwischen — sie stand plötzlich neben Käthe und ihre Augen funkelten in unversöhnlichem Haß die übermütige Schwester an.
»Also diesem Recht trete ich in keiner Weise nahe, dessen bin ich mir bewußt,« fuhr Käthe fort. »Schlimm aber steht es um dich, wenn du in jeder menschenwürdigen Handlung anderer ein feindliches Element siehst, das deine Stellung gefährdet —«
»Gefährdet?« wiederholte Flora, unter spöttischem Gelächter die Hände zusammenschlagend. »Liebste, weiseste aller Moralpredigerinnen, das ist ein kleiner Irrtum. Eine Liebesleidenschaft, die sich das alles bieten läßt, was ich mit gutem Vorbedacht als Feuerprobe über Bruck verhängt hatte, kann durch nichts mehr auf Erden gefährdet werden.«
»Traurig genug!« murmelte Henriette mit heiserer, fast erstickter Stimme und zornig geballten Händen. »Ich muß mir immer wieder Brucks männliche Festigkeit in seinem ganzen sonstigen Verhalten und Auftreten ins Gedächtnis zurückrufen, um ihn nicht als — Schwächling zu verurteilen.«
»Es handelt sich eben nur um die Spanne Brautzeit bis zum September,« fuhr Flora fort, Henriettens Einwurf mit spöttischem Achselzucken einfach übergehend, »und es ist nichts anderes als ein höfliches Zugeständnis meinerseits der Alten gegenüber; ich wünsche mich mit ihr zu vertragen. In L.....g ändert sich freilich alles; da fallen dergleichen Rücksichten von selbst weg, und was Bruck betrifft, so wird er in den ersten Wochen unserer Ehe einsehen, daß eine Frau, wie sie die Tante für ihn wünscht, nicht nur eine beschämende Last, sondern geradezu eine Unmöglichkeit für ihn sein würde. Dann erst kann er meinen Wert vollkommen erkennen, wenn der Salonverkehr seines Hauses, dem ich präsidiere, den rechten Lüster über seine hervorragende Stellung wirft; wenn er mich stets in gewohnter Eleganz und Sicherheit auf meinem Posten findet, ohne daß mein Fernhalten von Hauswesen und Kinderstube pekuniäre Opfer seinerseits fordert. Ich habe bereits alles berechnet; nach Abzug meiner Toiletten- und Nadelgelder bleibt mir von meinen Revenüen so viel übrig, daß ich den Gehalt einer perfekten Köchin, der Wirtschaftsmamsell, der Kinderfrau und der Gouvernante aus meiner eigenen Tasche bezahlen kann.«
Sie sah bei den letzten Worten auf ihre glänzenden, rosenfarbenen Nägel, dann wandte sie mit einer langsamen, stolzen Bewegung den Kopf seitwärts — der deckenhohe Spiegel warf ihre Gestalt zurück, diese blendende Erscheinung, bei deren Anblick man sich allerdings unmöglich denken konnte, daß sie je in trauter Häuslichkeit einen kleinen Liebling auf den Knieen wiegen, am Krankenbettchen Märchen erzählen und in der Kinderstube das sein werde, was die treue Mutter sein soll, das tröstende Licht, das keine Nacht aufkommen läßt, die höchste Instanz, die mit einem Kusse jeden Streit schlichtet, die unermüdlich stützende Hand, an der das Kind geistig und physisch laufen lernt.
Und ihr Blick irrte wie schönheitstrunken weiter und blieb vergleichend an dem weißgekleideten Mädchen hängen, hinter welchem die blausamtene Portiere niederfiel. Von diesem Grunde hoben sich die jugendlich schwellenden Glieder, die unvergleichliche Schönheit der Gesichtsfarben unter der dicken Flechtenkrone, die im reinsten Perlmutterweiß schwimmenden dunkeln Augensterne herrlich ab, und wenn die schöne Flora in ihrem Gesamtausdrucke das wissende Weib repräsentierte, das bereits tief in das Leben geschaut hat, so stand da neben ihr ein jungfräulich keuscher Schwan in naiver Unschuld und fleckenloser Seelenreinheit. Vielleicht mißfiel ihr das. Sie lächelte das Spiegelbild spöttisch an und nickte hinüber.
»Ja ja, meine Kleine, so veilchenhaft bescheiden wirst du nicht immer bleiben, und die häuslichen Bestrebungen, zu denen dich die Lukas in so unvernünftig übertriebener Weise erzogen, sind bei dir ebenso wenig am Platze wie bei meiner künftigen Lebensstellung. Moritz wird dir nie das unharmonische Geklingel mit dem wirtschaftlichen Schlüsselbunde gestatten — darauf verlasse dich, und wenn er dir galanterweise sogar zehnmal einen Geflügelhof in Aussicht stellt! Gerade er mit seinem neugebackenen Adel wird in Bezug auf die etikettengemäß weißen, geschonten Hände seiner Frau penibel sein wie kaum unser Allerdurchlauchtigster.«
Käthe war längst errötend aus dem Bereiche des Spiegels getreten. »Das mag Moritz halten, wie er will. Was geht das mich an?« fragte sie in halbabgewendeter Stellung, aber die Augen groß und verwundert auf das Gesicht der Schwester richtend.
»Aber ich bitte dich, Flora, wie kannst du so taktlos sein, Moritz in so unumwundener Weise vorzugreifen?« rief Henriette erschreckt; sie fixierte mit einem besorgten, verlegenen Seitenblick Käthes Gesichtsausdruck.