»Ach was, er kann mir nur dankbar sein, wenn ich ihm den Weg ein wenig glatt und eben mache. Und glaubst du denn, ich spräche da etwas aus, das Käthe nicht selbst längst wüßte? Es gibt kein Mädchen über fünfzehn Jahre, das nicht mit den Fühlfäden des Sehnens und Wünschens unausgesetzt sondierte und sofort wie durch einen elektrischen Schlag fühlte, wenn ein Männerherz sich ihm zuneigt. Die das nicht zugeben, sind entweder zu dumm oder raffinierte Koketten.« Sie maß wieder ihr Spiegelbild vom Kopf bis zu den Fußspitzen und zog die Löckchen tiefer in die Stirn. »Wer vorhin Augen gehabt hat, zu sehen, wie unsere Kleine sich vertrauensvoll und hingebend anzuschmiegen weiß, der kann nicht mehr fehlgehen — gelt, Käthe, du verstehst mich?« Jetzt lächelte sie mit frivol blinzelnden Augen unter dem hochgehobenen Arme weg die junge Schwester an.
»Nein, ich verstehe dich nicht,« versetzte das junge Mädchen mit stockendem Atem; ein undefinierbares Gemisch von heftigem Widerwillen und böser Vorahnung stieg in ihr auf und machte sie ängstlich.
»Komm, Käthe, wir wollen gehen,« sagte Henriette und schlang ihren Arm um die Hüften der großen, schlanken Schwester, um sie nach der Thür zu ziehen. »Ich leide ein solch indiskretes Verhör nicht,« setzte sie, zornig mit dem Fuße stampfend, hinzu.
»Bah, echauffiere dich nicht, Henriette!« lachte Flora. Sie reichte Käthe das Etui mit dem Geschmeide hin. »Hier, Kleine, du wirst doch die Steine nicht in dem offenen Salon liegen lassen, wo die Dienerschaft aus und ein geht?«
Käthe legte unwillkürlich und naiv wie ein Kind die Rechte, in welche der Schmuck gedrückt werden sollte, auf den Rücken. »Mag doch Moritz sie wieder an sich nehmen,« sagte sie kurz und bestimmt. »Deine Großmama hat darin ganz recht — es ist ein unpassendes Geschenk; an meinen Hals gehört ein solcher Schmuck nicht.«
»Und an diese gutgespielte Unbefangenheit soll ich glauben?« rief Flora ärgerlich und wie gelangweilt. »Geh! Einem so großen, vierschrötigen Mädchen steht die kindische Ziererei nun einmal nicht an. Da liegt er noch, der Spitzenshawl, den Moritz der Großmama mitgebracht hat — sie verschmäht ihn; sie ist empfindlicher als deine Schwestern, die es selbstverständlich finden, daß dein Geschenk alles, was er hier für uns ausgebreitet hat, an innerem Werte mindestens vierfach aufwiegt — und über das Warum dieser Auszeichnung wolltest du allein im unklaren sein? Mache dich nicht lächerlich! Hörst Tag für Tag das Hantieren drüben im Pavillon — alle im Hause, bis auf die aus und ein gehenden Handwerker hinab, wissen, daß die Wohnung für die Großmama hergerichtet wird, damit die junge Frau Kommerzienrätin in diese brillanten Räume einziehen kann — nun, kleine Unschuld, soll ich noch deutlicher werden?«
Bis dahin hatte das junge Mädchen regungslos gestanden und mit zurückgehaltenem Atem und aufdämmerndem Verständnis die Redewendungen der Schwester so erschreckten Auges verfolgt, als sehe sie eine buntschillernde, gefährliche Schlange allmählich sich entringeln. Nun aber irrte ein stolzes Lächeln um ihre blaßgewordenen Lippen. »Bemühe dich nicht — ich habe dich endlich verstanden,« sagte sie bitter — dem Metallklang ihrer Stimme hörte man den inneren Schrecken an — »du hast es weit klüger angefangen als deine Großmama, mir den ferneren Aufenthalt in diesem Hause unmöglich zu machen.«
»Käthe!« schrie Henriette auf. »Nein, darin irrst du. Flora ist wie immer entsetzlich rücksichtslos gewesen, aber böse gemeint waren ihre Anspielungen sicher nicht.« Sie schmiegte sich eng an die Schwester an und sah ihr zärtlich in das Gesicht. »Und wenn auch, weshalb sollten dich denn derartige Neckereien aus dem Hause treiben, Käthe?« fragte sie halb ängstlich und zögernd in schmeichelndem Flüstertone. »Bist du wirklich so ahnungslos der Liebe gegenüber geblieben, die dir so unzweideutig gezeigt wird? Sieh, ich habe jetzt oft den heißen Wunsch zu sterben, wenn es aber wahr würde, daß du als Herrin hier in unserem väterlichen Heim einzögest, dann —«
Käthe wand sich ungestüm aus den zarten Armen, die sie umstrickten. »Niemals!« rief sie, den Kopf heftig schüttelnd, zornig, erbittert, wie es nur ein stolzes, plötzlich in allen seinen Tiefen unsanft und schonungslos aufgerütteltes Mädchengemüt sein kann.
»So — also niemals?« wiederholte Flora sarkastisch. »Vielleicht ist dir die Partie nicht vornehm genug — wie? Wartest wohl auf irgend einen verschuldeten Grafen oder Prinzen, der modernerweise nicht das Dornröschen selbst, sondern ihre Geldsäcke aus dem Zauberbanne erlöst? Ei nun, die Jetztzeit ist ja nicht arm an solchen Ehen! Wie aber die unglückliche Mitgabe, die Frau, dabei fährt, weiß man auch ... Willst du immer wieder hören, daß dein Großvater hinter den Müllerpferden hergegangen und deine Großmutter barfuß gelaufen ist, dann heirate nur in eine solche adelsstolze Familie! Uebrigens möchte ich wirklich wissen, was du an Moritz auszusetzen hast, oder vielmehr, was dich berechtigt, seine Hand zurückzuweisen. Du bist allerdings sehr reich, aber was es für einen bedenklichen Haken dabei hat, wissen wir. Du hast viel Jugendfrische, allein schön bist du nicht, meine Kleine, und was dein Talent betrifft, mit welchem du allerdings in günstigen Momenten zu brillieren verstehst, so ist das ein von ehrgeizigen Lehrern künstlich angefachtes Geistesfünkchen, das sehr schnell wieder erlöschen wird, sobald das fette Honorar aufhört.«