»Flora!« unterbrach sie Henriette empört.
»Schweig! Ich rede jetzt in deinem Interesse,« sagte Flora, mit einer kräftigen Handbewegung die schwache Gestalt der Kranken beiseite schiebend. »Oder möchtest du Moritz leidenschaftlicher verliebt in dich sehen, als er sich gibt, Käthe? Liebes Kind, er ist ein gereifter Mann, der über das Heldenspielen in einem Backfischroman längst hinaus ist. Es fragt sich überhaupt, ob du je um deiner selbst willen gewählt wirst — bei solchen kleinen Millionärinnen kann man das nie wissen .... Ich begreife dich nicht. Du hast dich bis zu diesem Augenblicke auf die Krankenpflegerin kapriziert, wie kaum eine aussichtslose alte Jungfer, weil — es eigentlich von keiner Seite gewünscht wurde, und nun, da Henriette ihre ganze fernere Existenz an dein Bleiben im Hause knüpft, willst du gehen? Ich für meine Person würde auch ruhiger in der Ferne sein, wenn ich unsere Schwester unter deinen pflegenden Händen wüßte, und was Bruck anbelangt — nun, du hast dich allerdings eben wieder überzeugen müssen, wie wenig sympathisch du ihm bist, armes Kind; er will lieber den ungezogenen Schreihals, den Job Brandau, in seinen vier Wänden dulden als dein häusliches Schalten und Walten, aber ich weiß trotz alledem gewiß, daß er seine Patientin, die er schließlich doch hier ihrem Schicksale überlassen muß, dir am liebsten übergibt, an der sie mit Liebe hängt.«
Henriette lehnte mit kreideweißen Wangen an der Wand — sie war keines Wortes fähig, so tief erbitterten sie die unbeschreibliche Nonchalance, der beispiellose Uebermut, mit welchem Flora alles, was die Schwesterherzen demütigen mußte, an das Licht zerrte. Käthe jedoch hatte ihre äußere Fassung vollkommen wiedergewonnen.
»Darüber werden wir zwei uns allein verständigen, Henriette,« sagte sie ganz ruhig, aber die Lippen, welche die Stirn der Kranken küssend berührten, die Finger, die sich mit innigem Druck um ihre Hand legten, waren kalt wie Eis. »Du gehst doch wohl jetzt hinauf in dein Zimmer;« sie sah nach ihrer Uhr, »es ist Zeit, daß du deine Tropfen nimmst. Ich komme bald zurück.«
Sie ging hinaus, ohne noch einen Blick auf Flora zu werfen.
»Eingebildetes Ding! Ich glaube gar, sie nimmt es auch noch übel, daß man sie nicht für die erste Schönheit erklärt und daß nicht auch Männer wie Bruck an ihrem Siegeswagen ziehen,« sagte die schöne Dame mit sarkastisch zuckenden Mundwinkeln, und während Henriette schweigend ihr Geschenk und die Kapsel mit dem Rubinschmucke forttrug, schritt sie, eine Melodie trällernd, nach dem Zimmer, in welches sich die beiden Herren zurückgezogen, und klopfte ungeniert mit dem Finger an, weil es, wie sie durch die Thürspalte hinüberrief, sehr ungalant sei, »das Geburtstagskind« heute allein zu lassen.