»Nein, Tante, der Lärm belästigt mich. Meine Kopfnerven machen mir augenblicklich zu schaffen,« sagte er. »Wenn ich mich für Momente in den grünen Winkel hier flüchte, so will ich ausruhen; ich brauche Ruhe, Ruhe.« — War er es wirklich, der gelassene Mann, in dessen Stimme so viel nervöse Ungeduld, so viel zitternde Pein mitsprach? »Es ist ein Opfer, das ich von dir verlange, Tante, ich weiß es, aber trotz alledem bitte ich dich dringend, diese Unterrichtsstunden für die wenigen Monate, die ich noch hier sein werde, auszusetzen. Für diese Zeit will ich herzlich gern ein Zimmer in der Stadt mieten und eine Lehrerin bezahlen, damit deinen Schülerinnen kein Nachteil erwächst —«

»Um Gott, Leo, du brauchst ja nur zu wünschen,« unterbrach ihn die Tante erschrocken. »Wie konnte ich denn ahnen, daß dir dieser Verkehr plötzlich so unangenehm ist? Nicht ein Laut mehr soll dich stören — dafür lasse mich sorgen! Mich dauert nur eins dabei — Käthe —«

»Immer dieses Mädchen!« brauste der Doktor auf, als verliere er bei dieser Klage den letzten Rest von Geduld und Selbstbeherrschung. »An mich denkst du nicht.«

»Aber ich bitte dich, Leo, was ficht dich an? Ich glaube gar, du bist eifersüchtig auf die Liebe und Zuneigung deiner alten Tante,« rief die alte Frau erstaunt und ungläubig lachend.

Er schwieg; das junge Mädchen draußen hörte, wie er einige Schritte nach der Hausthür machte.

»Meine arme Käthe! Es ist völlig undenkbar, daß ihr geräuschlos wohlthuendes Walten, ihre ganze Erscheinung irgend einem Menschen auf Gottes Erde unangenehm sein könnte,« sagte die Tante, leisen Trittes ihm nachgehend. »Ich habe noch kein Mädchen gesehen, das so prächtig Kindesunschuld und Frauenwürde, Verständnisschärfe und Innigkeit des Gemütes in sich vereinte. Das zieht mich unwiderstehlich zu ihr hin, und ich meine, so ungerecht dürfte auch mein Leo nicht sein, daß er neben seiner vergötterten Braut kein anderes weibliches Wesen gelten ließe.«

Käthe schrak zusammen — der Doktor brach in ein sardonisches Gelächter aus, so laut und erschütternd, daß sie sich davor entsetzte. Unwillkürlich hob sie den Fuß zur Flucht — nein, sie blieb. Das spöttische Lachen galt ihr — sie wollte wissen, wie der Doktor die gute Meinung der Tante, die ihr allerdings die Glut der Beschämung in die Wangen trieb, widerlegen werde.

»Du bist sonst eine so kluge, klarsehende Frau, Tante, aber hier läßt dich dein Scharfblick kläglich im Stich,« sagte er, das Lachen in jäher, unheimlicher Weise abbrechend. »Immerhin! Ich werde selbstverständlich deine Ansichten nicht anfechten — wer vermag sich denn selbst in das Gesicht zu schlagen? Ich habe dich nur um eins zu bitten: daß unser Zusammenleben bis zu meiner Abreise sich genau wieder so gestalte, wie es vordem war — wir wollen allein sein. Du hast dich früher ohne die Gesellschaft junger Damen zufrieden gefühlt; suche dich für die wenigen Monate meines Hierseins wieder in die ungestörte Einsamkeit zu finden — ich will niemand hier aus und ein gehen sehen.«

»Also auch Käthe nicht?«

Ein starkes Aufknirschen des über die Steinfliesen hingestreuten Sandes drinnen ließ das junge Mädchen vermuten, daß der Doktor ungeduldig mit dem Fuße auftrete. »Tante, soll ich denn durchaus gezwungen werden —« rief er erbittert; seine Stimme war kaum zu erkennen.