Mit diesen Worten ging sie an ihm vorüber. »Leben Sie wohl, Herr Doktor!« sagte sie mit einer leichten Verbeugung und schritt nach der Brücke. Jenseits des Holzbogens, beim Umschreiten der Pappel, wandte sie den Kopf noch einmal nach dem lieben, alten Hause zurück. Dort an der Ecke lugten die Kinderköpfchen neugierig und kichernd eines über dem anderen, neben dem Gartentische aber stand der Doktor, beide Hände sonderbar schwer auf die Tischplatte stützend, und aus seinem aschfahlen Gesichte starrten die Augen mit einem fast wilden Blicke ihr nach.

Seltsames Mädchenherz! Sie flog ohne Besinnung über die Brücke zurück, über den verpönten Weg, den sie nie mehr beschreiten wollte — sie wäre noch weiter gelaufen, in die weite Welt hinein, ihm zu Hilfe.

»Ach, Sie sind krank?« stammelte sie, ihre warmen, geschmeidigen Hände angstvoll auf die seinen legend.

»Nein, nicht krank, Käthe — nur das, was Sie mir, wenn auch in einem andern Sinne, schuld gegeben — ein erbärmlicher Schwächling!« stöhnte er und strich sich mit einer heftigen Gebärde das nach vorn gefallene reiche Lockenhaar aus der Stirn zurück. »Gehen Sie, gehen Sie! Sehen Sie denn nicht, daß ich in einem Seelenzustande bin, für den jedes Wort der Teilnahme, jeder warme Blick zum Dolchstoß wird?« rief er rauh, und doch bog er sich blitzschnell nieder und preßte seine Lippen fest und heiß, wie in wahnsinnigem Schmerz, auf die Mädchenhand, die noch auf seiner Linken lag.

Erschreckt fuhr das junge Mädchen zusammen, allein sie fühlte ihr Herz von einem nie gekannten, beseligenden Zärtlichkeitsgefühl überströmen, und es schwebte ihr auf den Lippen zu sagen: »Nein, ich gehe nicht — du bedarfst meiner.« Da stand er jedoch schon wieder hochaufgerichtet vor ihr und winkte mit schmerzentstelltem Gesicht stumm, aber gebieterisch nach der Brücke — und jetzt floh das Mädchen, als schreite der Engel mit dem feurigen Schwerte hinter ihr ....

Einige Stunden später stieg sie in Hut und Schleier, eine Reisetasche in der Hand, eine Seitentreppe der Villa geräuschlos herab — sie ging, wie sie gekommen war, plötzlich, unerwartet. Henriette hatte, wenn auch tödlich bestürzt und unter heißen Thränen, dennoch in die schleunige Abreise und mehrwöchentliche Abwesenheit der Schwester gewilligt, da sie sich selbst sagen mußte, daß auf Floras unumwundene, taktlose Mitteilungen hin nun eine Reihe peinlicher Auftritte für alle Teile folgen würde. Sie war auch damit einverstanden, daß Käthe stillschweigend gehe und von Dresden aus ihre Willensmeinung äußere, während sie selbst es übernahm, die Verwandten von der Abreise in Kenntnis zu setzen. Dafür stellte sie die Bedingung, daß Käthe sofort zurückkehre, gleichviel wann, und möge sie auch sein, wo sie wolle, sobald die kranke Schwester eine Stütze brauche und sie rufe.

Henriette blieb droben an der Treppe stehen und streckte der Scheidenden die Hände nach, während Käthe den Schleier über die verweinten Augen zog. Wie ein Lichtmeer wogte es durch das Haus; alle Gasflammen loderten und am Portale fuhr donnernd eine Equipage nach der andern vor. Für einen Moment war Käthe gezwungen, in einen Seitenkorridor zu flüchten; dort, an die Wand gedrückt, sah sie Damen in eleganter Abendtoilette vorüberrauschen. Die Lakaien schlugen die Thüren des blauen Salons weit zurück und drinnen stand Flora im spitzenbesetzten blaßroten Seidenkleide, strahlend schön und vornehm lächelnd wie ein Fürstenkind, und begrüßte die Gäste, die um ihretwillen kamen — der Kommerzienrat gab ihrem Geburtstag zu Ehren eine große Soiree.

Bei diesem Anblick war es der Lauschenden draußen, als gingen schneidende Schwerter durch ihre Seele. Dort stand die Uebermütige, umschwebt von Glück, das ihr förmlich bettelnd nachgelaufen war, ob sie es auch verächtlich mit dem Fuß fortgestoßen hatte — und hier verbarg sich die Hoffnungslosigkeit, scheu wie die Sünde. Warum war aller Glücksreichtum, die ganze Fülle von Liebesseligkeit auf dieses eine Haupt gehäuft, das ihrer entbehren konnte, während die andere Schwester inmitten ihrer Goldschätze hungernd und entsagend durch das Leben gehen sollte?

Die Thürflügel fielen zu und Käthe eilte hinaus in den Park, von einer Verzweiflung erfüllt, wie sie nur ein junges, heißes Herz zu erschüttern vermag, und während die Kammerjungfer droben ahnungslos ihrer harrte, um auch ihr beim Ankleiden für die Soiree behilflich zu sein, pochte sie an das erleuchtete Mühlenfenster und berief Franz, sie nach dem Bahnhof zu begleiten.