»Weil Sie, wie Flora sagt, Henriette nicht so ohne weiteres ihrem Schicksale überlassen wollen,« antwortete sie mit der ganzen entschlossenen Aufrichtigkeit, die auf eine entschiedene Frage kein Ausweichen zuläßt. »Sie finden, daß ich meine arme Schwester mit hingebender Liebe pflege, und um ihr das Haus des Kommerzienrates, unser ehemaliges Vaterhaus, auch als fernere Heimat zu sichern, soll ich die schwesterliche Liebe und Hingebung noch weiter bethätigen, indem ich — die Frau des Kommerzienrates werde.«
»Und Sie glauben, daß ich an der Spitze einer derartigen Familienintrigue stehe? Sie glauben das ernstlich? Haben Sie vergessen, daß ich mich gleich zu Anfang dieser aufopfernden Pflege und Ihrem längeren Bleiben in Römers Hause widersetzt habe?«
»Seitdem hat sich vieles geändert,« entgegnete sie rasch und bitter. »Sie werden im September M. für immer verlassen; dann kann es Ihnen gleichgültig sein, wer in der Villa schaltet und waltet; Ihr Behagen wird nicht mehr gestört durch eine unsympathische Persönlichkeit —«
»Käthe!« stieß er heraus.
»Herr Doktor?« Sie hielt, den Kopf stolz hebend, seinen flammenden Blick ruhig aus. »Der Gedanke eines solchen Arrangements liegt eigentlich sehr nahe, und nur einem so langsam kapierenden Wesen wie mir konnte es passieren, so lange blind an alledem vorüberzugehen,« setzte sie scheinbar gelassen hinzu. Es war etwas Ueberlegenes in ihrem Tone und Wesen, als sei sie plötzlich um Jahre an Erfahrung und Erkenntnis gereift. »Dann käme kein fremdes Element in den Familienkreis; die ganzen häuslichen Einrichtungen könnten bleiben, wie sie sind, Bequemlichkeiten und Gewohnheiten in der Villa wie drüben im Turme würden nicht alteriert; nichts, nicht einmal ein eiserner Spind in Moritzens ‚Schatzkammer‘ brauchte von seiner Stelle gerückt zu werden; das ist so praktisch gedacht —«
»Und leuchtet Ihnen so sehr ein, daß Sie nicht einen Augenblick schwanken, zu bleiben,« ergänzte er fliegenden Atems mit einem so ungeduldig verzehrenden Blicke, als zürne er den Lippen, daß sie nicht rasch genug bestätigten.
»Nein, Herr Doktor, Sie triumphieren zu früh,« rief sie mit einer Art von wilder Schadenfreude. »Der obstinate Goldfisch durchbricht das Netz. Ich gehe, ich gehe heute noch. Ich kam vorhin nur, um mich von der Frau Diakonus zu verabschieden, und würde daher gelächelt haben über das Verbannungsdekret, das Sie gegen mich richteten, wenn es mich nicht so schmerzlich berührt hätte. Meine Schwestern haben mir vorhin die blinden Augen geöffnet und mir in prächtiger Perspektive ‚das Glück‘ gezeigt, das man für mich beabsichtigt. Ich hatte im Momente der Eröffnung das Gefühl, als gäbe es aus dem blauen Salon der Frau Präsidentin nur noch einen Weg für mich, den direkten, sofortigen nach der Eisenbahn, die mich heim beförderte, und ich wäre auch gegangen, wenn ich mich nicht meiner übernommenen Pflichten erinnert hätte. Ich gehe nicht für lange, nur für die Zeit, in der ich Moritz von der Ferne aus überzeugt haben werde, daß er mir nie und nimmer mit einer anderen als seiner streng vormundschaftlichen Beziehung kommen darf, daß ich ihm stets die entschiedenste Abneigung zeigen werde, sobald er Miene macht, einen anderen Ton als den des väterlichen Beraters anzuschlagen.«
Ihr Busen hob sich in tiefen, befreienden Atemzügen, und die heiße Glut, die ihr Gesicht bis an die Haarwurzeln überströmte, war das hinreißende Erröten widerstrebender Scham, aber man sah, sie wollte es um jeden Preis klar werden lassen zwischen sich und dem Manne, der sich, während sie sprach, emporrichtete, hoch und elastisch, als werde plötzlich eine niederdrückende Wucht von seinen Schultern genommen.
»Seit dem Tage, wo wir Henriette so schwer leidend in Ihr Haus brachten, besteht ein schönes Verhältnis zwischen der Frau Diakonus und meiner armen Schwester,« fuhr Käthe rascher fort; »ich kann ruhigen Herzens gehen, wenn die Tante sich Henriettens annimmt. Um diesen Liebesdienst wollte ich sie bitten; deshalb kam ich hierher. Ich werde ihr nun von Dresden aus schreiben; denn Sie begreifen wohl, daß die von Ihrem Grund und Boden Verbannte auch nicht einmal die kurze Strecke von hier bis zu der Hausflur je wieder beschreiten wird.«