Er wandte schweigend die Augen von ihr weg und sie fuhr nach einem tiefen Atemholen fort: »Sie haben mich bei unserer ersten Begegnung gefragt, wie ich mein plötzliches Reichwerden auffasse; ich bin erst in diesem Augenblicke fähig, Ihnen darauf die richtige Antwort zu geben. Ich komme mir vor wie verunglückt in diesem Geldmeere; es streckten wohl viele die Hand aus, aber nicht, um mich meiner selbst wegen an sich zu ziehen, sondern nur, weil die Goldwogen mir folgen.«
Der Doktor fuhr wie entsetzt empor. »Um Gott, wie kommen Sie zu dieser grauenhaften Vorstellung?«
Sie lachte herzerschütternd auf. »Das fragen Sie noch? Zwingt man mich nicht täglich, stündlich, diese grauenhafte Vorstellung mit der Gottesluft zu atmen, mit jedem Trunke zu schlürfen? Da soll man mich in meinem lieben Dresdener Heim nur kajolieren, weil ich der ‚Goldfisch‘ bin; meine Lehrer nähren das schwache Fünkchen des musikalischen Talentes in mir nur um des reichen, sicheren Honorars willen, das ich zahle, und der Vormund freit um die Mündel, weil er sie — am besten zu taxieren versteht.«
Sie hatte, indem sie vor sich hinsprach, den Blick ziellos über den Abendhimmel schweifen lassen; jetzt sah sie den Doktor an — er hatte eine Bewegung gemacht, als gehe ein elektrischer Schlag durch seinen Körper. »Ist das bereits Thatsache?« stammelte er und strich sich wiederholt über die Augen, wie wenn ihn ein Schwindel überkomme. »Und es macht Ihnen wohl tiefen Kummer, sich vorstellen zu müssen, daß auch Moritz so denke?« setzte er nach einem augenblicklichen Schweigen gepreßt hinzu.
Betroffen horchte sie auf — seine Stimme klang so auffallend matt und gebrochen. »Mehr noch verletzt es mich, daß sich jedes für berechtigt hält, in dieser Angelegenheit mitzusprechen,« entgegnete sie, und ihre schöne, kraftvolle Gestalt majestätisch aufrichtend, stand sie da, die verkörperte Abwehr gegen fremde Anmaßung. Sie schüttelte den Kopf mit einem bitteren Spottlächeln. »Solch ein armer Goldfisch, wie muß er sich allen Ernstes wehren, wenn er nicht in den Händen der Egoisten zum erbärmlichen Spielball werden will, und ich will nicht — absolut nicht! Sehen Sie sich vor, Herr Doktor! Sie gehören auch zu denen, die meinen, ein verwaistes junges Mädchen müsse sich dirigieren lassen, wie der Vorteil, das Behagen anderer sein Kommen und Gehen erheische. Hier verbannen Sie mich, und dort möchten Sie mir eine Kette um den Fuß legen, damit ich bleibe. Ich möchte wissen, was Sie zu dieser Willkür berechtigt, oder nein,« — ihre Lippen zuckten im Kampfe mit aufquellenden Thränen — »ich möchte mit Henriette fragen: ‚Was habe ich Ihnen gethan?‘«
Das letzte dieser in leidenschaftlicher Klage herausgestoßenen Worte erlosch ihr auf den Lippen — der Doktor hatte ihr Handgelenk umfaßt. Seine kalten Finger drückten wie Eisen.
»Kein Wort mehr, Käthe!« raunte er ihr in Lauten zu, die sie erschreckten. »Ich weiß zum Glück, daß nicht eine Spur von komödienhafter Falschheit in Ihnen lebt, sonst müßte ich glauben, Sie hätten die raffinierteste Folterqual ersonnen, um mir ein streng behütetes Geheimnis zu entreißen;« er ließ ihre Hand fallen; »aber auch ich will nicht — absolut nicht!«
Er schlug die Arme über der Brust zusammen und entfernte sich einige Schritte, als wolle er rasch nach dem Hause gehen, aber plötzlich wandte er sich dem wie erstarrt dastehenden Mädchen wieder zu. »Es interessiert mich übrigens, zu erfahren, inwiefern ich Ihnen eine Kette um den Fuß legen möchte, damit Sie bleiben,« sagte er ruhiger. Er kam zurück und blieb vor ihr stehen.
Käthe errötete tief; einen Augenblick zögerte sie in mädchenhafter Scheu, dann aber versetzte sie entschlossen: »Sie wünschen, daß ich die — Herrin in der Villa Baumgarten werde —«
»Ich — ich?« Er drückte die geballten Hände gegen die Brust und brach in jenes hohnvolle Lachen aus, das sie schon vorhin bei seiner Unterredung mit der Tante erschreckt hatte. »Und wie begründen Sie diese Beschuldigung? Warum soll ich wünschen, Sie als Herrin der Villa Baumgarten zu sehen?« fragte er, sich mühsam bezwingend.