Wohl senkte Käthe in der ersten Bestürzung die Wimpern tief auf die heißen Wangen, aber sie fühlte sich im Recht; er war namenlos schwach gegen sich selbst, in seiner Liebesleidenschaft wie in seiner Abneigung — das letztere hatte sie ja eben an sich selbst erfahren müssen. Sie warf trotzig den Kopf zurück.
In diesem Augenblicke kamen die kleinen Schülerinnen im Haschespiele um die Hausecke gelaufen. Käthe erblicken und jubelnd auf sie losstürmen, war eins. Daß der Doktor mit seinem tiefverfinsterten Gesicht neben dem Mädchen stand und die Hände abwehrend ausstreckte, kümmerte die fröhliche Schar nicht — im Nu war die schlanke, weiße Gestalt umringt; die kleinen Hände stießen und drängten sich gegenseitig weg. Jedes wollte die Aermchen um »die schöne Tante« legen, oder mindestens eine ihrer Hände erhaschen.
Trotz ihrer inneren Bewegung hätte Käthe beinahe hell aufgelacht; denn so fest sie auch auf ihren Füßen stand, sie schwankte unter dem Anpralle der elastischen Kinderleiber und konnte sich ihrer kaum erwehren, der Doktor aber ergrimmte, wie sie ihn noch nie gesehen. Er schalt die Kleinen zudringlich, schob sie unsanft weiter und gebot ihnen mit harter Stimme, sich wieder hinter das Haus zu verfügen und dort zu warten, bis man sie entlasse.
Die Kinder schlichen betrübt und eingeschüchtert davon.
Käthe biß sich auf die Unterlippe und ihr umflorter Blick verfolgte die kleinen Mädchen, bis sie hinter der Hausecke verschwunden waren. »Wie gern ginge ich mit ihnen, um sie zu beruhigen, aber ich werde natürlich nicht um einen Schritt auf dem Terrain zurückgehen, das ich bereits für immer verlassen habe,« sagte sie mit einem Gemisch von Schmerz und heftigem Zürnen.
»Beruhigen!« wiederholte der Doktor in persiflierendem Tone. »Möchten Sie mich nicht auch noch zum Unmenschen stempeln, wie ich vorhin als Schwächling bezeichnet wurde? — Trösten Sie sich — solch ein Kindergemüt trägt die Beruhigungsmittel in sich selber; Lachen und Weinen wohnen eng zusammen. Hören Sie, wie dort drüben bereits wieder gekichert wird?« — Er zeigte mit einem flüchtig um seine Lippen spielenden Lächeln über die Schulter zurück. »Ich wette, das gilt mir und meiner Strenge. Ich habe um Ihretwillen die ausgelassene Schar in die Schranken gewiesen — ich konnte das nicht sehen; wie mögen Sie es dulden, daß man Sie so heftig attackiert? Die Kinder sind schlecht erzogen —«
»Weil sie mich lieb haben? Gott sei Dank, daß es so ist! Ja, Gott sei Dank, daß ich wenigstens da noch glauben darf!« rief sie, die Hände auf die Brust pressend. »Oder wollen Sie mich vielleicht auch angesichts dieser Zuneigung glauben machen, daß der Zärtlichkeitsbeweis einzig und allein meinem Geldschranke gelte? — Ach nein, auf dieser trostvollen Ueberzeugung stehe ich fest; da lasse ich mich nicht auch weghetzen — darauf verlassen Sie sich!« Wie herzzerschneidend klang diese bittere Verwahrung von den jungen Lippen.
Er trat erstaunt zurück.
»Welche seltsame Idee —«
»Ach, ist es Ihnen wirklich so verwunderlich, daß ich endlich aufgerüttelt bin aus meiner mehr als kindlichen Vertrauensseligkeit, die da gemeint hat, warmes Fühlen und braves, redliches Wollen gelten auch etwas in der Welt? Nicht wahr, es hat lange genug gedauert, bis der schwerfällige deutsche Michel in meiner Seele die Augen aufgeschlagen hat, um zu sehen, daß er sich unsterblich lächerlich mache mit seinen altmodischen Ansichten von gut und schlecht, von Wahrheit und Lüge?« Sie wurde ganz blaß und schauerte zusammen. »Es ist etwas Schreckliches um die plötzliche Erkenntnis, daß man eigentlich gar nicht mehr existiert als das, was man sich eingebildet hat zu sein, als ein junges Menschenkind mit der Berechtigung, dereinst auf seine Art glücklich zu werden.«