Sie richtete sich in ihrer ganzen Höhe und schlanken Schönheit auf und stieg langsam die Stufen herab. »Was wünschen Sie, Herr Doktor?« fragte sie, drunten auf dem Rasen stehend, über die Schulter nach ihm zurück. Auch diese Bewegung hätte noch den Eindruck des Automatenhaften gemacht, wäre nicht der empört flammende Blick gewesen, den sie jetzt auf den Doktor richtete.
Er errötete heiß wie ein Mädchen und trat zu ihr. »Sie haben gehört —« fragte er unsicher, aber gespannt in jeder Gesichtslinie.
»Ja,« unterbrach sie ihn bitter lächelnd, »jedes Wort, und habe damit selbst schlagend bewiesen, wie recht Sie thun, Ihr Haus von fremden Eindringlingen zu säubern — die Wände haben Ohren.« — Sie ging noch einige Schritte vom Hause weg, als könne sie nicht entfernt genug von der Schwelle stehen, die sie nicht mehr betreten sollte.
Er hatte sich währenddem gefaßt; er warf seinen Hut auf einen Gartentisch in Käthes Nähe und richtete seine hohe Gestalt aus der vorgeneigten Stellung empor, die er im ersten Zusammenschrecken angenommen. Aus seinen Wangen war die Röte gewichen, aber es sah aus, als atme er auf, als sei es ihm erwünscht, daß eine solche Wendung eingetreten, daß ihm der Zufall zu Hilfe gekommen sei. »Die Furcht, belauscht zu werden, hat keinen Teil an dem, was ich vorhin meiner Tante ausgesprochen. Dieses stille Haus hat keine Geheimnisse, und das, was man in seiner Brust verschließen muß, wird auch nicht laut zwischen Wänden, die keine Ohren haben,« sagte er mit ruhigem Ernste. »Sie haben jedes Wort gehört — dann wissen Sie auch, daß mich nur der Wunsch nach momentanem Ausruhen bestimmt, ungestörte Stille zu fordern. Ich muß es leider gleich von vornherein aufgeben, diesen meinen rohen Egoismus entschuldigend zu motivieren. Sie können sich selber nicht denken, daß es Seelen gibt, die fortgesetzt gleichsam auf der Flucht sind vor Gedanken und — Gestalten, aber vielleicht wird es Ihnen leichter, sich den schmerzvollen Zorn, die Qual eines Verfolgten vorzustellen, der erschöpft dem schützenden Heim zueilt und gerade da sich vor denen sieht, die er flieht.«
Sie sah mit ihren klugen Augen scheu prüfend zu ihm empor, der ihr während des Sprechens näher getreten war. Ja, es war ihm tiefer Ernst mit dem, was er sagte; er schilderte nicht nur die Qual eines solchen Verfolgten, er empfand sie auch in diesem Augenblicke wirklich und leibhaftig, das sah sie an seinem seltsam verstörten Blicke, an dem fahlen Erbleichen, das sein Gesicht seltsam überschauerte; allein — vor seiner Braut floh er doch nicht, auch auf die unschuldigen Kinder konnte sie das Gesagte unmöglich beziehen; sonst aber verkehrte niemand hier — außer ihr; mithin verhielt es sich in Wirklichkeit so, wie sie sich bereits tiefverletzt eingestanden; sie war ihm als Zeugin verschiedener Auftritte zwischen ihm und Flora lästig und unerträglich geworden; er mochte ihr wenigstens in seinem Hause nicht mehr begegnen, und die Unterrichtsstunden wurden nur sistiert, um ihr jeden Vorwand zum ferneren Aus- und Eingehen abzuschneiden. Diese Ueberzeugung machte ihre lieblichen Züge in dem Ausdrucke eisig lächelnden Unglaubens förmlich erstarren.
»Sie haben gar keine Verpflichtung, Ihre strenge Maßregel zu motivieren — Sie sind Herr hier, und das genügt,« versetzte sie frostig. »Aber welche unbegrenzte Verehrung müssen Sie für die Frau Baronin Steiner hegen, daß Sie ihr die heißersehnte Ruhe opfern und ihren ungebärdigen Enkel samt Gouvernante in das Haus nehmen wollen!« — Das war eine herbe Zurechtweisung aus dem Mädchenmunde, der allerdings stets fest zu sprechen gewohnt war, noch nie aber gezeigt hatte, bis zu welcher Schneidigkeit die weiche Glockenstimme sich schärfen konnte. »Ach nein, thun Sie das nicht!« rief sie in plötzlicher leidenschaftlicher Steigerung und streckte die Hand gegen ihn aus, als er überrascht und betreten die Lippen zu einer Entgegnung öffnete; »ich möchte nicht, daß Sie sich aus leidiger Höflichkeit zu einer Bemäntelung herbeiließen und anders sprächen, als Sie denken. — Weiß ich doch nur zu gut, welche Beweggründe sie leiten!« Sie kämpfte sichtlich zornige Thränen nieder. »Ich habe einigemal ungeschickterweise Ihren Weg gekreuzt und begreife vollkommen die Erbitterung, mit welcher Sie vorhin sagten: ‚Immer dieses Mädchen!‘ ... Ich kann mir ja selbst dieses Ungeschick nie verzeihen, obgleich ich in Wahrheit nur ein einzigesmal schuldig gewesen bin, d. h. mit Vorbedacht mich eingemischt habe. Sie aber gehen noch unerbittlicher mit mir ins Gericht — Sie verfolgen mich dafür.«
Doktor Bruck widersprach mit keinem Worte, allein es war, als schließe er gewaltsam die Lippen gegen die Versuchung, zu sprechen. Seine Augen sahen seitwärts mit einem festen ausdrucksvollen Blick auf sie nieder, und die Rechte, die er auf den Gartentisch gestützt hatte, zog sich wie im Krampfe zusammen. In dieser Stellung, in allen Linien seines schönen Gesichts lag das Grundgepräge dieses Männercharakters, die Verschlossenheit, die Willenskraft, die sich nur im äußersten Falle eine Erklärung abringen läßt.
»Ich bin mit innerem Widerstreben hierher zurückgekehrt,« hob sie wieder an. »Die alte Dame da drüben« — sie zeigte in der Richtung nach der Villa Baumgarten — »hat mit ihrem Präsidentenstolz meine Kindheit vergiftet, wo es ihr irgend möglich war, und die bitteren Thränen, die sie mit ihrer fortgesetzten Impertinenz meiner armen Lukas damals erpreßt, kann ich ihr nie vergessen. Sie wissen, wie mir bei meiner Ankunft vor dem Zusammentreffen mit meiner geistesstolzen Schwester Flora bangte, und wie ich angesichts der Villa am liebsten kehrt gemacht und zur selben Stunde die Rückreise in mein Dresdener Heim angetreten hätte — wäre ich doch gegangen! Neben dem Beamtenstolze und der geistigen Ueberhebung macht sich nun auch der unerträgliche Geldhochmut breit — es weht eine von Goldstaub und Anmaßung erfüllte Luft dort drüben, in der auch das lebensfrischeste Denken und Empfinden verkümmern muß. Meiner ganzen Natur nach bin ich unfähig, in einem solchen Boden Fuß zu fassen, aber hier« — mit aufgehobenem Arme deutete sie über Haus und Garten hin — »hier war ich heimisch; hier hätte ich selbst meine Dresdener Heimat vergessen können, warum — ich weiß es ja selbst nicht.«
Wie lieblich stand sie im schneeweißen Kleide da, den flechtengeschmückten Kopf sinnend gesenkt! »Die alte prächtige Frau hat mir's angethan, glaub' ich,« setzte sie mit einem hellen Aufblicke hinzu, »ihre edle, einfache Erscheinung verhilft mir immer wieder zu innerem Gleichgewicht; sie geht leise und geräuschlos ihren Weg, und wenn man auch nie einen eigentlichen Widerspruch von ihren Lippen hört, nie ein eigensinniges Beharren bemerkt, so weicht sie doch nicht um eine Linie von dem, was sie für gut und recht hält, ab. Das thut wohl im Hinblicke auf so viel inhaltslose Vornehmthuerei, auf so lügenhafte Aufbauschung und Aufgeblasenheit und auch — so manche beklagenswerte Schwäche, in die leider selbst der männliche Geist verfallen kann.« Die Brauen finster faltend, warf sie einen kleinen, blütenschweren Zweig, den sie unterwegs gepflückt und bisher spielend zwischen den Fingern gedreht hatte, verächtlich weit von sich.
Diese eine Bewegung reizte und empörte den vor ihr stehenden Mann sichtlich. Ein düsteres Feuer glomm in seinen Augen auf — er hatte sie verstanden. »Sie haben vorhin eine Tugend der ‚alten, prächtigen Frau‘ aufzuzählen vergessen: die Milde und Vorsicht im Richten,« sagte er scharf und strafend. »Nie würde sie ein so unbedingt verdammendes Urteil in der unfehlbaren Weise aussprechen, wie Sie eben gethan, weil sie weiß, wie leicht man mißversteht, und daß gar manchmal — wie es sich denn auch in dem von Ihnen betonten Fall verhält — gerade hinter der vermeinten Schwäche sich ein Aufbieten aller inneren Kraft verbirgt.« Er sprach in heftiger Steigerung; die schlichte Gelassenheit, die er nicht einmal bei dem mächtigen Wechsel seiner Lebensstellung auch nur momentan eingebüßt, war von ihm gewichen.