Da stand sie nun an einem Septembermorgen wieder in der Schloßmühlenstube. Sie war mit dem Nachtzuge gefahren und eben angekommen. Bei ihrer Abfahrt hatte sie Franz telegraphisch ihre Ankunft mitgeteilt und liebevoller hätten Mutterhände ihre Aufnahme nicht vorbereiten können, als die alte Suse gethan. Die große, von dem durch die Kastanienwipfel hereinfallenden grünen Dämmerlichte angehauchte Stube war erfüllt von den Düften der Heliotropen, Rosen und Reseden, die auf den Fenstersimsen standen; saubere Decken lagen auf allen Tischen; im Alkoven lockte ein blütenweißes Bett, und auf dem großen Eichentisch mit den plump ausgespreizten Füßen stand die wohlbekannte kupferne Kohlenpfanne, mit ihrer Glut den Kaffee warm erhaltend. Sogar der selbstgebackene Kuchen war noch fertig geworden und stand, zuckerbestreut, in bräunlicher Schöne neben der vergoldeten Tasse, dem Prachtstücke aus dem Glasschranke der seligen Schloßmüllerin.

Nun schütterten die schneeweiß gescheuerten Dielen wieder unter den Füßen des jungen Mädchens, und durch die offenen Fenster kam das Rucksen der Tauben und das Tosen des fernen Wehres — sie war daheim. Von hier aus wollte sie die kranke Schwester besuchen und um keinen Preis die Gastfreundschaft im Hause des Kommerzienrats annehmen, mochte auch die Frau Präsidentin die Nase rümpfen über den anstößigen Verkehr zwischen Villa und Mühle.

Käthe war in einer seltsamen Stimmung. Furcht vor dem ersten Wiedersehen in der Villa, schmerzliche Sehnsucht nach dem Hause am Flusse, dessen Wetterfahnen sie mit hochklopfendem Herzen von dem südlichen Eckfenster aus erblickte, und das sie doch nicht betreten durfte, leidenschaftliche Ungeduld, der hohen Gestalt, wenn auch nur noch ein einziges Mal, zu begegnen, die sie hier in der Mühle zum erstenmal gesehen und — das sagte sie sich ja täglich unter tausend Schmerzen — seit jenem Momente geliebt hatte; das alles wogte in ihr, und daneben schlich eine unerklärliche Bangigkeit und Beklemmung. Schon seit Monaten füllten die Sensationsnachrichten von dem Zusammenbrechen des Gründungsschwindels in Wien und später in der preußischen Hauptstadt die Spalten der Zeitungen. In allen öffentlichen Lokalen, in allen Salons war der welterschütternde Einsturz dieses modernen Turmes zu Babel das Tagesgespräch, und selbst in dem kleinen ästhetischen Zirkel der Doktorin hatte man die Ereignisse wiederholt erörtert. Während der Eisenbahnfahrt von Dresden nach M. waren sie auch das ununterbrochene Gesprächsthema der Mitreisenden gewesen — man hatte haarsträubende Dinge erzählt und noch schrecklichere prophezeit, und nun sah Käthe mit eigenen Augen eine der Folgen dieser Kalamität. In das Gelärme der Tauben und das Rauschen des Wehres hinein klang das laute Durcheinander von Menschenstimmen, und schräg hinter der letzten Kastanie hervor konnte das junge Mädchen den großen Kiesplatz vor der Spinnerei überblicken; er wimmelte, genau wie an jenem Tage des Attentates, von Arbeitern, die bald mit allen Zeichen der Niedergeschlagenheit, bald heftig streitend und drohend untereinander verkehrten — die Aktiengesellschaft, welche die Spinnerei von dem Kommerzienrat gekauft, hatte Bankrott gemacht; eben war die Gerichtskommission erschienen, und die Leute stoben im ersten Schrecken wie Spreu auseinander.

»Ja, ja, so geht's,« sagte Franz, der eben Käthes kleinen Koffer herausgetragen hatte. »Den Leuten war's zu wohl und sie meinten, es ginge ihnen noch lange nicht gut genug; nun gehen sie von einer Hand in die andere und kommen mit der Zeit vom Pferde auf den Esel. 's ist aber auch eine schlimme Zeit, eine heillose Zeit. Jeder will sein Geld mit Sünden verdienen und womöglich die Dukaten von der Straße auflesen, und man kann's den Kleinen kaum noch verdenken, die Großen machen's ja nicht besser.«

»Wohl dem, der sein Schäfchen ins Trockene bringt,« fuhr Franz, gemütlich auf die Tasche klopfend, fort. »Ehrlich verdient und fein stet und redlich vermehrt, das ist meine Parole; dabei kann man ruhig schlafen. Wer sich auf das Spekulieren nicht versteht, der soll's bleiben lassen. Da ist der Kommerzienrat drüben — den ficht freilich die ganze Geschichte nicht an; der sitzt bombenfest, weil er ein kluger Kopf ist und eine feine Nase hat.« Er hob mit wichtiger Anerkennung den Zeigefinger. »Kam gestern erst wieder von Berlin, stramm wie immer. Ich hatte gerade Mehl an die Bahn gefahren — hui, wie da seine zwei Schwarzen, seine Prachtpferde, vorbeisausten. So versteht's keiner. Die Leute meinten, er hätte gewiß wieder einmal gehörig eingestrichen, so munter sah er aus und so recht wie einer, der Millionen kommandiert. Er war diesmal lange fort und wär' wohl auch gestern abend nicht gekommen, wenn sie heute nicht Polterabend drüben feierten.«

Polterabend! und übermorgen war die Hochzeit, und gleich nach der Hochzeit sollte das junge Paar abreisen. Käthe wußte das ja; sie hatte es oft genug in Henriettens Tagebuch gelesen, und doch durchfuhr sie ein jähes, schmerzvolles Erschrecken, als es Menschenlippen so selbstverständlich aussprachen.

»Es soll hoch hergehen heute abend,« sagte Suse, indem sie der jungen Herrin eine Tasse Kaffee präsentierte. »Ich sprach gestern dem Herrn Kommerzienrat seinen Anton, der sagte, es kämen so viele Gäste, daß sie nicht Platz genug schaffen könnten. Ein Theater haben sie gebaut, und eine Menge Fräulein aus der Stadt sollen verkleidet kommen, und das Grüne zum Putzen wird wagenweise aus dem Walde geholt.«

Es schlug elf auf dem Turme der Spinnerei, als Käthe nach der Villa ging. Noch klang das verworrene Stimmengeräusch von der Fabrik her an ihr Ohr, als sie den Mühlenhof durchschritt, aber kaum war die kleine Bohlenthüre in der Mauer, die das Mühlengrundstück von dem Parke trennte, hinter ihr zugefallen, als auch schon tiefe, so recht vornehme Parkstille sie umfing.

Franz hatte recht: hier überkam einen das Gefühl, daß der wüste Lärm des Geldmarktes den reichen Mann und seine wohlgeborgenen Schätze nicht anfechte, daß die alles verschlingenden Unglückswogen nicht einmal bis zu seinen Sohlen hinauflecken durften. Ah, dort dehnte sich ein herrlicher Wasserspiegel hin. Er fing den Azur des wolkenlosen Morgenhimmels auf — ein riesiger Saphir von fleckenloser Reinheit! Der Teich war fertig, unglaublich rasch fertig geworden durch die massenhaft auf diesen kleinen Fleck konzentrierte Menschenkraft und riesige Geldopfer. Schwäne durchfurchten die blaufunkelnde Flut, und dem Ufer nahe schwankte ein buntbewimpelter Nachen an der Kette. Als Käthe gegangen war, hatte der Park in heller Maienblüte gelegen — jetzt schien alles Grün tief schattiert wie ein nachgedunkeltes Gemälde; über das sanfte Farbengemisch der Frühlingsblumen waren die Sonnenflammen sengend hingelaufen und hatten dafür die Blütenfackeln der Cannas, die kerzenartig aufstrebenden Gladiolen auf jedem zwischen der Bocage hervortretenden Rasenspiegel angezündet.