Wie viele Hände mußten bezahlt werden, um dem Parke das Gepräge peinlicher Sauberkeit und Pflege zu bewahren! Kein abgefallenes Blättchen lag auf den Wegen; kein Grashalm bog sich über die vorgeschriebene Linie; keine verdorrte Blüte hing an den Zweigen. Und dort zwischen den köstlich schattierten Gruppen von Laubholz trat jetzt die imposante Fassade des neuen Marstalls hervor; auch an ihr war ununterbrochen gearbeitet worden; ihr Emporwachsen war ein so zauberhaft rasches, als habe eine Riesenkraft das Mauerwerk mit seinen Stuckverzierungen aus der Erde getrieben. Und hier förderte in der That die treibende Macht, das Geld, fort und fort; hier sprang der Goldquell in unverminderter Stärke, ob auch auf der Börsenbühne die großen Brunnen verschüttet waren — nein, nicht einer der elektrischen Schläge, welche die Geschäftswelt mörderisch durchzuckten, hatte seinen Lauf hierher gelenkt.
Unter der kühlen Wölbung der Lindenallee hinschreitend, kam Käthe der Villa näher und näher. Noch nie war ihr das kleine Feenschloß so aristokratisch unnahbar erschienen als in dieser tiefgoldenen Morgenbeleuchtung, mit der aufgezogenen farbenglänzenden Flagge auf seiner Plattform — das flatternde Willkommenzeichen wogte, festlich einladend, hoch in den Lüften. Unwillkürlich legte das junge Mädchen die Hand auf das ängstlich pochende Herz — sie war nicht eingeladen, und doch kam sie. Es war ein schwerer Gang, es war ein großes Opfer der Schwesterliebe, dieses Niederkämpfen der eigenen stolzen Natur. Hinter dem Bronzegitter des unteren Balkons lief das Löwenhündchen der Präsidentin auf und ab und kläffte die Kommende wie immer feindselig an, und die Papageien im blauen Salon akkompagnierten kreischend durch die weit offenen Glasthüren.
Als Käthe unter das Portal trat, huschte eine Dame an ihr vorüber; sie hielt das Taschentuch vor das Gesicht, aber über den Spitzenbesatz hinweg streifte ein scheuer Blick aus furchtbar verweinten Augen das junge Mädchen. Käthe erkannte sie — es war die schöne, üppige, in Luxus schwelgende Frau eines Majors; die Eleganz ihrer Toiletten war in der Residenz sprichwörtlich geworden. Sie eilte um die Hausecke in das Dunkel der Bocage, jedenfalls um erst die Thränenspuren zu beseitigen, ehe sie die von Spaziergängern wimmelnde Promenade betrat.
»Dem Manne bleibt auch nichts anderes übrig, als ‚die Kugel vor den Kopf‘ — das Bett unter dem Leibe soll ihm genommen werden,« hörte Käthe, unter der halb offenen Thür der Portierstube vorübergehend, einen Bedienten sagen. »Geschieht ihm ganz recht — was braucht denn solch ein Offizier in Papieren zu spekulieren, von denen er nicht den Pfifferling versteht! Nun kommt die Frau und heult unserem Herrn was vor, und der soll nun den Karren aus dem Moraste holen — das könnte ihm fehlen! Wenn er allen denen helfen wollte, die in den letzten Tagen dagewesen sind, da könnte er nur den Ziegenhainer in die Hand nehmen und den Staub von den Schuhen schütteln — da blieb' ihm nichts.«
Abermals ein Opfer der entsetzlichen Katastrophe! Käthe schauerte in sich zusammen und stieg unbemerkt die Treppe hinauf. In der Bel-Etage war es feierlich still — mechanisch schritt sie zuerst nach dem kleinen Salon, den sie bewohnt, und öffnete die Thür. Die Baronin Steiner herrschte allerdings hier nicht mehr, aber das Zimmer war auch nicht angethan, einen anderen Gast wieder aufzunehmen. Sämtliche Möbel waren ausgeräumt — dafür standen große, schöndrapierte Tafeln die Wände entlang und trugen auf ihren Flächen einen förmlichen Bazar von Ausstattungsgegenständen, den mit großer Ostentation aufgebauten, wahrhaft fürstlichen »Trousseau« der Professorin in spe; in der Mitte des Salons aber wogte von einem Kleiderständer nieder milchweißer Atlas, umhaucht von Spitzenduft und mit Orangenblüten besteckt, und so hoch auch das Postament war, der schwere Stoff schleppte doch noch weit über das Parkett hin — Floras Brautanzug! Käthe drückte mit weggewandten Augen die Thür wieder zu — einige Sekunden später lag sie tief erschüttert in Henriettens Armen, die in einen so exaltierten Jubel ausbrach, als werde sie durch diese Ankunft aus namenloser Pein erlöst.
Die kranke Schwester war allein. Man habe heute im Hause keine Zeit für sie, klagte sie; der Kommerzienrat richte Flora die Hochzeit aus, und zwar mit einem beispiellosen Aufwand. Er wolle bei dieser Gelegenheit der Residenz wieder einmal zeigen, wie hoch er alle überrage, wenn er auf seinen Geldsäcken stehe — das sei nun einmal seine Schwäche .... Ganz ihrer unabhängigen Art und Weise gemäß hatte sie es unterlassen, den Verwandten anzuzeigen, daß sie Käthe telegraphisch berufen habe. Das sei doch völlig überflüssig, meinte sie mit großen, erstaunten Augen auf Käthes betroffenes Kopfschütteln hin; sie habe es doch stets betont, daß die Schwester eines Tages zurückkommen werde, um sie zu pflegen — man wisse das im Hause gar nicht anders, und was ein mögliches unvorbereitetes Zusammentreffen mit dem Kommerzienrat betreffe, so möge sie ganz ruhig sein, er habe jedenfalls »eine neue Flamme« in Berlin; er sei die beiden letzten Male — vorzüglich aber gestern — ziemlich zerstreut zurückgekehrt, und habe auf Floras Neckereien hin nur schlau gelächelt und durchaus nicht geleugnet.
Käthe schwieg auf alle diese Mitteilungen; sie hatte zuletzt nur den einen Gedanken, daß es allerdings die höchste Zeit für sie gewesen sei, zurückzukehren. Sie fand die Kranke maßlos aufgeregt; der hohle, erstickende Husten schüttelte den schattenhaft abgezehrten Körper viel häufiger als früher; die Hände brannten wie Kohlen und der Atem ging so schwer, so mühsam aus und ein. Henriette hatte es bisher auch bei den heftigsten Leiden nie »zu Thränen kommen lassen« — sie hatte einen unglaublich starken Willen, heute aber waren ihre schönen Augen verweint bis zur Unkenntlichkeit. Sie verzehre sich in Angst, daß Bruck bei all seiner Liebe für Flora doch vielleicht sehr unglücklich werden würde, klagte sie, ihr Gesicht an Käthes Brust verbergend, und obgleich nie ein unvorsichtiges Wort darüber gefallen, sei sie dennoch fest überzeugt, daß die Tante genau so denke und sich gräme .... Käthe wies sie mit der schneidenden Antwort zurecht, daß das einzig und allein Brucks Sorge sei und bleiben müsse; niemand habe mehr Anlaß gehabt, tiefe Einblicke in Floras selbstsüchtiges Wesen zu thun, als gerade er; wenn er trotz alledem darauf bestehe, sie zu besitzen, so werde er sich auch mit seinem Schicksal abzufinden wissen, möge es fallen, wie es wolle .... Henriette fuhr erschrocken empor, so rauh klang das Gesagte; es lag überhaupt etwas so bestürzend Fremdes, eine Art starrer Zurückhaltung und Abgeschlossenheit in der Erscheinung der jungen Schwester, als sei auch sie mit ihrem Schicksal fertig — nach schweren Kämpfen ....