23.
Kurze Zeit nachher stieg Käthe, die kranke Schwester vorsichtig stützend, auf der kleinen Treppe in das untere Stockwerk hinab, »um sich zu melden«. Sie kamen durch den schmalen Korridor, in welchen Käthe bei ihrer Abreise für einen Moment geflüchtet war. Er lief den großen Saal entlang, der fast den ganzen Raum des einen Seitenflügels der Villa nahezu beanspruchte — in ihm wurden die berühmten Hausbälle des reichen Mannes abgehalten.
»Es ist Probe für heute abend, und dabei wird noch fortdekoriert und geschmückt,« sagte Henriette aufhorchend und heiser und höhnisch vor sich hinlachend — pathetische Deklamation, hier und da durch intensives Pochen und Hämmern unterbrochen, scholl durch die Thüren. — »Wie ekeln mich diese Mädchen da drinnen an! Sie möchten sämtlich, wie sie auch auf der Bühne stehen, der Braut die Augen auskratzen, und doch faseln sie in grenzenlosem Schwulst von der schönsten Blume, die ihrem Kranz entrissen werde, von dem Dichtergenius, der ihre Stirn geküßt habe, und was dergleichen poetische Aderlässe mehr besagen. Und Moritz mit seiner maßlosen Verschwendung benimmt sich dabei wie ein Narr. Gestern abend, unmittelbar nach seiner Rückkehr von Berlin, hat er die Handwerker Buben gescholten. Die Dekoration mußte als ‚trödelhafter Plunder‘ sofort von den Wänden gerissen werden, weil die Leute an zwei dunkeln Ecken Wollstoffe statt Seidendamast verwendet hatten; er wird nachgerade abstoßend mit seinem ewig herausgekehrten Millionärbewußtsein. Da sieh her!«
Sie schob unhörbar eine der Thüren etwas weiter auf. Durch den nur schmalen Spalt sah man die Bühne nicht, auf der die Probe abgehalten wurde; dagegen präsentierte sich schräg seitwärts ein prachtvoller Baldachin von goldbefranstem Purpursamt — er sollte sich heute abend über dem Brautpaar wölben.
»Wie wird er mit seinem blassen, finsterbrütenden Gesicht sich ausnehmen unter dem komödienhaften Firlefanz dort!« flüsterte Henriette und drückte den Kopf wie in ausbrechender Verzweiflung tief bewegt an die Gestalt der Schwester. »Und sie wird wieder neben ihm stehen, siegend, triumphierend wie immer, in der wohlstudierten Toilette von weißem Mull und kindlich naiven Margaretenblümchen, wie sie der unschuldsvollen Braut am Polterabend zukommt. Ach Käthe, es ist etwas so Seltsames, Unbegreifliches um die ganze Geschichte; ich habe jetzt so oft das Gefühl, als lauere ein unglückliches Geheimnis dahinter, so etwas wie ein heimlich glimmender Feuerbrand unter grauer Asche.«
Im Eßzimmer saß die Präsidentin mit Flora und dem Kommerzienrat beim Frühstück. Die Braut war im eleganten, rosabordierten Schlafrock und ein Morgenhäubchen bedeckte die aufgewickelten Locken. Käthe erschrak fast, so grau und scharf erschien das Römergesicht der schönen Schwester ohne die goldene Glorie der Stirnlöckchen; heute sah sie zum erstenmal, daß Flora die Jugend hinter sich habe, daß endlich das ruhelose Bestreben, sich hervorzuthun, die glühende Ehrsucht anfingen, das herrliche Oval unerbittlich in harter, einwärtssinkender Linie zu verlängern.
»Mein Gott, Käthe, wie kommst du denn auf die Idee, uns gerade heute ins Haus zu fallen?« rief sie emporschreckend, im rückhaltslosen Aerger. »In welche Verlegenheit bringst du mich! Nun muß ich dich wohl oder übel ins Gefolge stecken. Ich habe schon zwölf Brautjungfern — eine dreizehnte kann ich nicht brauchen, wie du dir wohl selbst sagen wirst —« Sie unterbrach sich mit einem leisen Aufschrei und fuhr zurück.
Der Kommerzienrat hatte mit dem Rücken nach der Thür zu gesessen und eben ein Glas Burgunder zum Munde geführt, als Floras Ausruf den Eintritt der Schwester signalisierte. War ihm das Glas infolge der Ueberraschung entglitten, oder hatte er es unsicher, mit abgewendeten Augen auf den Tisch gestellt — genug, der volle, dunkelpurpurne Inhalt ergoß sich über das weiße Damasttuch und benetzte auch Floras Kleider.